Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Einige neuere Erscheinungen zum biblischen, besonders zum prophetischen Schrifttum [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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7 Gottsucher, dem alles allein aut inwendige seelische Beschaffenheit ankommt; er ist doch zugleich der soziale Verkünder, der die recht grobschlächtigen Sünden seiner Zeit mit harten Worten brandmarkt. Ihm müßte die gerade im Deuteronomium in Scheidemünze ausgeprägte Humanität im tiefsten sympathisch sein. Wenn darum nicht in Abrede zu stellen ist, daß der ,,Lügengriffel der Schreiber'c das Triumphgeschrei über den Besitz des ,,Tempels Gottes" Reaktionen der prophetischen Religionserfassung gegenüber einer bei der Masse und in gewissen priesterlichen Kreisen herrschenden sein mögen, so ist ein Ausweg anderswo zu suchen: Der Prophet :verwirft in der Tat die Gesinnung, die in Gesetz und Tempel einen Talisman zu besitzen glaubt. Dieser Geist ist der Zielpunkt seiner Polemik, nicht eigentlich das Gesetz selber und der Tempel als solcher. Er mag sich vor der Kodifizierung göttlicher Satzungen und ihrer Proklamation als religiöser Charte das Gegenteil von dem versprochen haben, was die Männer der Kultusreform davon erwarteten. Der Gehalt des Gesetzes als einer auch von ihm gewollten Norm des praktischen Lebens wird hiervon nicht berührt. — Jedenfalls zeigen solche Erwägungen, wie das von W. aufgeworfene Problem mitten in das Zentrum des Prophetismus hineinführt, dessen Charakter nirgendwo deutlicher sich offenbart als an Jeremia und — möchten wir hinzufügen — an dem Verhältnis dieses Mannes zur Persönlichkeit seines Zeitgenossen Ezechiel. Der Chief Rabbi J. H. Hertz legt in seiner ,,Genesis" den ersten Teil von ״The Pentateuch and Haftorahs% hebräischer Text, englische Uebersetzung und Kommentar vor (Oxford University Press 1929). Das prachtvoll ausgestattete und gedruckte Buch bringt die Ueber- Setzung im Wesentlichen nach der Authorised Version von King James (1611) in der Revised Version. Wo diese in der Auffassung von den überkommenen jüdischen Anschauungen erheblich abweicht, da kommen die letzteren zu Worte. Der englische Kommentar, der in Kürze die gangbarsten traditionellen Auslegungen nach den Midraschim, Raschi usw. zusammenstellt, geht, wie gemäß Anlage und Zweck des Werkes nicht anders zu erwarten, darauf aus, vor allem die erste Wißbegierde in volkstümlicher Weise zu befriedigen. Mehrere beigefügte geographische Karten stellen eine nützliche Neuerung bei Werken dieser Art dar. Ein besonderes Wort verdienen die längeren Noten zur Urgeschichte, welche die Eingliederung der biblischen Berichte in ein dem Verfasser vorschwebendes Weltbild leisten wollen. Deutsche Leser werden dem Bestreben, die biblische Schöpfungslehre im Sinne einer allgemeinen Entwicklungstheorie aufzufassen, wahrscheinlich fremder gegenüberstehen. Und der Versuch, die Sintflut mit einem geschichtlich für die Zeit um 3800 aufweisbaren bestimmten Ereignis zu identifizieren, wofür ,,neuere Entdeckungen" Zeugnis ablegen sollen, dürfte nicht gemacht werden, ohne daß Idar gesagt würde, daß der alte Erzähler doch eine allgemeine die ganze Menschheit bis auf eine Familie vernichtende Flut meint, wovon doch gewiß jene Entdeckung nichts weiß. Jedenfalls wird dieses Schweben der Auslegung zwischen einer Auffassung, die bald in den Erzählungen den Kern wirklicher Ereignisse sucht und sie bald als den legendären Ausdruck innerseelischer religiöser und moralischer Tat-