Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Einige neuere Erscheinungen zum biblischen, besonders zum prophetischen Schrifttum [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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6 Solche praktischen Interessen treten ,in einem Werke von Adam C. Welch, Jeremiah, his time and Ms work (Oxford University Press* 1928) zurück, dessen Darstellung sich wieder mehr der deutschen theologischen Schreibart nähert. Welchs Studie ist kein Kommentar und enthält Textänderungen nur, soweit sich bisweilen eine kritische Behandlung als notwendig erweist. Es gibt wesentlich einen geschichtlichen Abriß der Gestaltung von Jeremias Religion im Zusammenhange der politischen und insbesondere der kultusreformatorischen Ereignisse unter dem König Josia. Welch ist geneigt, die unter diesem Herrscher sich vollziehende Reform, die den Tempel zu Jerusalem zum Zentralheiligtum und seine Priesterschaft zum. allein legitimen Kultpersonal gemacht hat, vorzüglich unter dem Gesichtspunkte judäischer Machtpolitik zu sehen. Diese soll, da nach den! Verschwinden des Nordreiches .dessen Heiligtümer, vor allem der Tempel von Bethel, bedeutungslos geworden waren, günstige Konstellationen dazu ausgenutzt haben, einzelne Teile des Nordgebietes wieder mit dem südlichen Königreich zu vereinigen. Im Verfolg dieser Bestrebung empfing der Jerusalemer Tempel die Glorie eines wirklichen Reichsheiligtums, welche die Konkurrenz der Kultstätten des einst so mächtigen Nordstaates Israel nun nicht mehr verdunkeln konnte. Diese Hypothsse gliedert sich der von Welch mit Zuversicht angenommenen Konstruktion ein, daß der von den Assyrern auf dem nördlichen Territorium zurückgelassene Rest eine bedeutende Rolle in den politischen Ambitionen der späteren judäischen Könige gespielt habe. Auf schon gesichertem Boden stehen wir hier schwerlich. Für Welch aber ergibt diese mit Politik verquickte Religion, die im eigentlichen Sinne Religionspolitik ist, den Untergrund, von dem sich die Haltung des Jeremia abhebt, und zu dem die auf reine Innerlichkeit gestellte Religion des Propheten in unerbittlicher Opposition steht. Jeremia ist der Herold universalistischen Gottesglaubens, von Geburt an als ״Prophet für die Völker“ (wie gegen Streichungsabsichten in 110 festgehalten wird), für die Menschheit bestellt, der Künder eines erlösenden Gottes und einer reuigen Seele. Daraus folgt für W., wie er an der Hand der Reden nachzuweisen sucht, strikte Gegnerschaft gegen alle religiöse Gestaltung, welche das Heil von anderen als rein innerlichen Momenten abhängen läßt. Die Erörterung der fraglichen Stellen, in denen sich die Haltung, und zwar die durchgehends ablehnende gegenüber dem deuteronomischen Gesetzeswerk spiegeln soll, wird mit großer Sorgsamkeit geleistet. Aber eine Frage, und zwar die wichtigste, bleibt doch unbeantwortet: Wenn die ganze Kraft der prophetischen Arbeit dem Kampfe gewidmet ist, der um ein bestimmtes Gesetz als Grundwerk der Religion entbrannt ist, warum enthalten dann die auf solche Stellungnahme sich beziehenden Reden nicht mehr als die Allgemeinheiten, die das Heer der Ausleger so uneins hinsichtlich ihres Verständnisses gemacht haben. Es ist doch schwer zu denken, daß ein Jeremia bei aller zugestandenen Abneigung gegen den Kultus und gegen den Glauben an den Tempel als eine Art Zaubermittel das Gesetz seinem Inhalte nach grundsätzlich verwerfen konnte. Jeremia ist doch nicht nur der subtile, •in sich selbst zurückgezogene