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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · Heft 1 · p. Seite 73

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
74 (1930)
Issue
Heft 1
Article
[Rezension]
Date
1930-01-01
Page
Seite 73 (sequence 3)
Language
German
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73 genannten Kämpfer, deren Leben und Leiden L. in erschütternder Weise vor uns hinsteilt. Im Ringen um die Seele einer erbarmungslos abgestumpften Menge, die dem Gelde nachjagt und mit den Lebensmächten paktiert, stehen ihrem Erwecker, wenn er es auf eine letzte Entscheidung ankommen zu lassen wagt, zwei Wege offen. Entweder er vertraut der Kraft seines Geistes, folgt unbeirrt dem Rufe seines Innern, dann muß er es dulden, daß Armut und Not ihn beschleichen und das Gefühl, ohne verständnisvolle und ergebene Anhängerschaft zu sein, sein Gemüt beschattet, wie es jenem Literaten geschah, der, in maßloser Dürftigkeit in Wien lebend, mit seinen Manuskripten den Ofen heizen ließ, weil er nicht das Geld für das Feuerungsmaterial hatte. Denn der Sang des jüdischen Dichters klingt nicht wieder im Herzen eines Volkes. Der Schotte Burns, dessen Lieder trotz des liderliehen Lebenswandels des Dichters, trotz der ländlich-dialektischen Färbung ihres Stils rasch den Weg zum Herzen des britischen Volkes fanden und Aufläge um Auflage erleben, hatte es besser (S. 24). So wird oft der stolze Glaube an die Sicghaftigkeit der individuellen Schöpferkraft mit der Vernichtung ihrer Früchte bezahlt. Der andere Weg führt keineswegs zu einem erfreulicheren Ende. Man nimmt, um materieller Not zu entgehen, ein Amt an, verkauft sich an die zweifelhafte Gesellschaft und muß dann nach ihrer Pfeife tanzen. Da wird die originale Kraft des Geistes ausgelöscht, die sprudelnde Lebendigkeit des Vortrags verwandelt sich in leere Artistik, überzeugende, aufrütteinde Beweisführung wird fadenscheinige Gelehrsamkeit. So ergeht es dem ״Maggid“ im Londoner East־End. Als er noch in Rußland gegen die Greuel der zaristischen Regierung wetterte, strömten von nah und fern die Leute herbei, um seinen Worten zu lauschen. Als er ausgewiesen darauf in London in den Dienst der offiziellen jüdischen Gemeinde tritt, wird seiner Redekunst die Seele genommen, weicht das Feuer wagender Begeisterung und die Eindringlichkeit der subjektiven Wahrheit, weil die auch seinen Geist beherrschen, von denen er das Brot empfängt (S. 262). Unablässig schildert der Verfasser das tragische Geschick der jüdisch Schaffenden, das darin besteht, daß ihr Wirken nicht getragen wird von der Teilnahme und der Zustimmung־ einer Gesamtheit, weil es ein jüdisches Volkswissen und ein sozusagen mythisches, im kunstschöpferischen Sinne förderliches Grundgefühl der Masse nicht mehr gibt. Die hervorragenden Geister des zeitgenössischen Judentums mußten ohne Unterstützung der maßgebenden jüdischen Kreise, ja vielfach gegen ihren Willen ihren Weg sich bahnen, wofür Gaster ein Beispiel ist, S. 268. Doch auch diese selbständigen, in der abgeschlossenen Sphäre ungeschwächter jüdischer Geistigkeit lebenden Persönlichkeiten sind nicht immer frei von kompromißlerischen Anwandlungen, wenn es sich um andere handelt. Der Verfasser ist ehrlich. Er wirft den Leitern der rabbinischen Lehranstalten vor, daß sie bisweilen ihre Zöglinge mit ungenügendem Wissen hin ausschicken und nachgiebig über das Maß hinwegsehen, das sie selbst für not-wendig erachten, oft aus der Meinung, für die Gemeinden genüge es ja (S. 124). L. läßt uns die teils aufregenden, teils abstoßenden und komisch wirkenden Situationen miterleben, die ihre Ursache darin haben, daß Triebe der Masse und Zwang der Mehrheit dem Streben nach einer absoluten Sphäre kraftvollen Judentums den Weg verstellen. Aufregend ist es, wenn der überfortschrittliche Literat über seinen Kollegen herfällt, weil er noch die Einfalt besitzt, seinen Stil mit biblischen Redewendungen zu schmücken, und am Sabbat in Gegenwart des Rabbiners seine Zigarre ansüeckt (S. 141). Abstoßend wirkt es, wenn beim Makkabäerfest nach einer zündenden Ansprache der Festredner sich einen Schweinebraten vorsetzen läßt und so das Andenken der von ihm Gefeierten beleidigt, die doch für die Reinhaltung der religiösen Sitten gestorben sind (S. 154). Wie ein Scherz mutet es an, wenn für die Einführung des Jargons als Umgangssprache im autonomen Staate sich solche ereifern, die diese Sprache nicht sprechen und verstehen, während gerade die mit ihr Vertrauten überzeugt sind, daß sie jüdischen Gedankeninhalten nicht gemäß sei. (Erinnerung an den Sprachenstreit S. 150). Der Autor sympathisiert mit der nationaljüdischen Bewegung־, stellt sich aber betont denjenigen unter ihren Anhängern entgegen, die das Problem nur als ein materiales, mit politischen und ökonomischen Mitteln zu ver- Wirklichendes betrachten. Er erzählt scherzhaft, wie er einmal in Wien durch

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