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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · Heft 1 · p. Seite 72

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
74 (1930)
Issue
Heft 1
Article
[Rezension]
Date
1930-01-01
Page
Seite 72 (sequence 2)
Language
German
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72 Die das Wesentliche des Buches ausmachenden Um- und Ausblicke verbinden sich mit den Reiseerlebnissen eines gaiizischen Rabbiners, der von dem Phantom westlicher Bildung beunruhigt, sich nicht mehr wohlfühlt in seinem engen Wirkungskreise und in einer freien, weltoffenen jüdischen Geistesluft, in der er geben und nehmen darf, eine Ruhestätte zu finden hofft. Der unerfahrene, lebensunkundige Mann läßt sich dankbar von seinem südafrikanischen Freunde, eben unserem Verfasser, den Weg weisen, und aus den Briefen beider, den eröffnenden und behutsam vorbereitenden Mitteilungen des Freundes und den bitteren Geständnissen des trotz aller er׳- nüchternden Warnungen tief betroffenen und enttäuschten, ja verzweifelten Neulings im Bereiche europäischer Hochkultur, wird das Bild der jüdischen Gegenwart gewoben. Die Frucht all dieser Enttäuschungen, beschleunigt durch den Weltkrieg, dessen Ausbruch ihn in London überrascht, ist das unbezwingbare Verlangen des Rabbiners, auf raschestem Wege wieder in die Heimat zu kommen und das zu werden, was er dort gewesen war. Das Schicksal des Auswanderers bezeichnet die Tragödie des Uebep־ flüssigen, des Menschen, den trotz ansehnlicher Fähigkeiten und Talente die geistige Konjunktur der Zeit nicht anerkennt und' aufnimmt, der einsam bleibt, weil die Welt seiner nicht bedarf. Sein sehnlicher Wunsch, ein Ring zu sein in der Kette, sie zusammenhaltend und von ihr gehalten, ein Ring in der Kette jüdischer Geisteseinheit, erfüllt sich nicht. Denn diese Einheit ist nicht mehr da. Nur die Kettenglieder sind noch da, abgerissen und ohne Verbindung miteinander. Auf den verschiedenen Schauplätzen der Erde, wo Juden sich gefunden und sich organisatorisch vereinigt haben, hat sich eine sehr abweichende Meinung darüber gebildet, was als jüdisch und religiös anzusprechen ist, eine Meinung, die nicht allein vom denkenden Bewußtsein geprägt wird, sondern in den Gründen des Gefühls bereits ihre Wurzel hat. Nicht mehr die Religion, wie sie an sich ist, und nicht die Werte, die sie selber als solche bezeichnet, stehen richtunggebend im Gesamtgebiete der religiösen Betrachtungsweise und Lebensbetätigung. Sondern die• besonderen Erfordernisse des Tages, der Druck der Umgebung, politische und soziale Interessen und Gewichte, das Hier und das Heute, rücken und drücken das religiöse Erbgut und die von ihm mitgeführten Formen so zurecht, daß keiner jener Faktoren, die der Mensch und Jude als lebenswichtig ansieht und ungeschmälert wissen will, von den Forderungen der Religion angegriffen und eingeschränkt wird. Ist es nun schon für den religiös Ergriffenen eine schmerzliche Empfindung, zu sehen, wie die Religion unter das Joch niedriger Lebenstriebe und ־ansprüche gebeugt wird, so steigert sich die Betrübnis zur Bestürzung bei der Wahrnehmung, daß die Verschiedenheit der Lehensinteressen eine Unzahl von abweichenden Erscheinungsformen religiöser Bewußtheit und Betätigung hat entstehen lassen. Solchergestalt ist die Pein, die über die Seele des Rabbiners kommt. In seinem umfangreichen religiösen Wissen manifestiert sich die Einheit, des Judentums in ihrem legitimen Charakter einer sittlich-gesetzlichen Macht, gleichwie in der Reinheit seines Willens der Anspruch der Religion auf die Vorherrschaft und die Führung in den Ordnungen des Lebens sich bekundet. Er trauert über den Sturz des Supremats der Religion, ihn schmerzt ihre Unterwerfung unter die flüentigen Forderungen der Zeit und des Ortes, ihn verwirrt die Zer- Stückelung und Vielgestaltigkeit der als Einheit übernommenen, vom Juden des europäischen Ostens noch gehegten Fülle religiösen Kulturgutes. Ebensowenig bedarf seiner die Welt, die seine Kleidung als lächerlich, seine Sprache als abstoßend, seine Forderungen als übertrieben empfindet, als er mit dieser Welt einig werden kann, die ihr Leben zwischen Geschäft, Vergnügen und Menschenliebe teilt. Das ist die Tragik des Helden unseres Buches. Aber es ist die Tragik der Vorkämpfer jüdischer Gedanken in der Jetztzeit überhaupt, meint der Verfasser, und besonders des Gelehrten und künstlerisch Schaffenden. Indem er uns diese Tragik an den Lebensschicksalen markanter Persönlichkeiten und Vertreter jüdischen Geisteslebens vor Augen führt, stempelt er die Gestalt seines Helden zu einer Symbolfigur. Mit großem Takt, treffender Schärfe des Blicks und überzeugender Nachzeichnung läßt der Verfasser schattenhaft das Profil der Großen der jüngsten Zeit an uns vorüberziehen, unter denen wir, um einige zu nennen, Theodor Herzl, Moritz Güdemann, Rektor Schwarz und Moses Gaster finden* Und neben ilinen die vielen ו1ןן-

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