Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · Heft 1 · p. Seite 68

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
74 (1930)
Issue
Heft 1
Article
[Rezension]
Date
1930-01-01
Page
Seite 68 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2829132-2829967-2829969-2849344--49578-2849442
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

68 heit des Blickes wahren und um die Sicherheit des Urteils ringen: der inner“ lieh ganz zum Deutschen gewordene Sohn eines süddeutschen Bauernjuden und sein Freund, der ,,zwischen den Stämmen und den Religionen Geborene“. Während die beiden dem Radikalismus zugewandten untergehen, wird ihr Tod für die überlebenden Freunde ein Ansporn, mitzuwirken an der Klärung der jüdischen Frage, die mit vollem Recht als eine Menschheitsfrage gewertet wird in dem Sinne, daß ,,Allerletztes und Allerfeinstes des Menschen wurzelgleich und blütengleich ist“. Der Gefahr, die in jeder Typisierung liegt: dem reichen Leben in seiner Mannigfaltigkeit nicht ganz gerecht zu werden, ist. Siemer nicht vollkommen entgangen; aber sie wird ausgeglichen durch die Ehrlichkeit und Gerechtigkeit, die Grundton und Tendenz seines Buches bilden. In der Geschichte der Frankfurter Juden hat das Jahr 1711 eine doppelte Bedeutung: es ist das Jahr des Ghetto-Brandes und zugleich der Beginn der Frankfurter Talmud aus gäbe. Aeußere Eingeschränktheit, stete Unsicherheit und Anfeindung auf der einen, geistig-religiöse Vertiefung auf der anderen Seite kennzeichnen diese Zeit, die Zeit der Eisenmenger und Schudt, des Rabbi Naftali Cohen und der noch immer heimlich wühlenden Anhänger des Sabbatai Zewi. Das Leben im Frankfurter Ghetto vor dem großen Brande ist von S ch a ch n 0 w i t z ansebauli ch und lebendig dargestellt worden mit seinen wirtschaftlichen Nöten, seinen Freuden und Festen, seiner Frömmigkeit und in seiner Verbundenheit mit der jüdischen Gesamtheit. Nicht so sehr das Einzelschicksal, wiewohl es in den Rahmen des Romans eingefügt ist, als das Dasein der Gemeinde und der Gemeinschaft steht im Mittelpunkt. Daher überwiegt das. Kulturgeschichtliche, während die Vertiefung in das Seelisch-Menschliche zurücktritt. Eine sorgfältigere Behandlung der Sprache und die Vermeidung mancher Stilwidrigkeiten (so die Bezeichnung ,,Dreß“ für die Amtstracht der Ratsherren!) hätten die Lektüre des Buches erfreulicher gestaltet. Naftali Hakohen, der berühmte Rabbi •Frankfurts zur Zeit des großen Brandes, ist auch der Held der Straußschen Erzählung, in der er wie in der Legende der Zauberkundige ist, der durch Geisterbeschwörung die Schuld an dem Brande trägt. Seiner dunklen, ehrgeizerfüllten Gestalt steht die reine und überlegene Persönlichkeit des Maggid Abraham gegenüber, in dem er sterbend den Höheren erkennt. Der Jude als der Menschheitserlöser und als der stets Gehaßte, der Jude als das Opfer aufgepeitschter Volksleidenschaft heute wie vor Jahrhunderten, um seiner Liebe zu den Menschen willen verachtet, verfolgt, gekreuzigt — gewiß, hier hätte ein tragischer Stoff tragisch gestaltet werden können. Gestalt und SchicksaL des Abel Adler jedoch vermögen das Gefühl des Tragischen nicht zu erwecken. Wohl hat Münzer in diesem Roman, der im Deutschland der schlimmsten Nachkriegszeit spielt, mit grellen und düsteren Farben, mit der Ausmalung des Lasters und der Verworfenheit, mit dem Aufzeigen der Gier und der Brutalität nicht gespart. Wohl läßt er seinen Helden aus jedem dunklen und dumpfen Erlebnis nur immer reiner hervorgehen, läßt ihn ganz Güte, ganz Opferbereitschaft werden, bis er schließlich am Kreuze endet. Aber er vermag es nicht, den Glauben an seinen Helden zu erwecken und das Einzelschicksal dieses Juden symbolisch in das jüdische Schicksal überhaupt hinüberklingen zu lassen, weil das Grausige uud Grelle bei ihm die Stelle des Tragischen vertritt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.