Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 67 (sequence 3)
- Language
- German
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67 der eine ,,Das kleine Mädchen von Jerusalem“ interessant durch das Milieu, in dem er spielt: Das christliche Jerusalem der achtziger Jahre bildet den Hintergrund für die Entwicklung der Heldin, die, aus einer Mischehe stammend, Glück und Zusammenbruch ihres Elternhauses erlebt. Stadt und Landschaft sind lebendig gesehen, aber ein Eingehen auf das religiöse Problem fehlt. Viel mehr bedeutet Opatos chus Buch ,,Der letzte Waldjude6‘, das in die Welt des polnischen Judentums und des Chassidismus hineinführt, eines Chassidismus allerdings, der in der Zersetzung und Auflösung begriffen ist. Die westliche Kultur, die ,,Aufklärung“ als geistiges Element und der ungeheure Druck der russischen Herrschaft vor 1863 erzeugen eine Atmosphäre, die den Untergang des Chassidismus begünstigt. Ais Exponent dieser Untergangsstimmung erscheint Rabbi Mendele von Kozk, der Glaubenslose, der einsam und verbittert, tatenlos die Dinge ihren Lauf nehmen läßt, ihm gegenüber, eine letzte Hoffnung des reinen Chassidismus verkörpernd, Reb Itsche der Kabbalist. Zwischen beiden steht der junge Mordechai, ״der letzte Waldjude“, von gleicher Leidenschaft der Sinne wie des Geistes erfüllt. Vom Chassidismus wendet er sich zur westlichen Kultur und tut schließlich den letzten Schritt, den zum Aufruhr gegen die russische Herrschaft. Der in Aussicht stehenden Fortsetzung des Buches darf man mit Interesse entgegensehen. In unsere Gegenwart führen die folgenden Bücher, deren jedes in seiner Art wertvoll ist. Wenn Ehrenburg ,,das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz“ schildert, so ist dabei nicht dieses Leben das wesentliehe, mag es auch den armen Schneider aus dem bolschewistischen Rußland nach Deutschland, aus Deutschland nach Paris und über England schließlich nach Palästina führen. Wesentlich ist für Lasik Roitschwantz nie das Geschehen, sondern seine Umsetzung in die Dialektik und die stete Wandlung dieser Dialektik inmitten alles bunten Geschehens. Lasik ist der Narr, der oft ahnungslos vor der einfachsten Wirklichkeit steht, um sie dann manchmal tollkühn zu meistern; aber er ist der Narr ״mit der lachenden Träne im Wappen“. Die Tragikomödie seines Lebens wird zur Tragödie, wenn der Heimatlose und Umgetriebene am Grabe Rahels stirbt und dieses im besten Sinne humorvolle Buch sich am Schluß über das Einzelschicksal hinaus damit zu einer tieferen Symbolik erhebt. Einen starken Eindruck gerade in seiner Knappheit hinterläßt auch Nathan Aschs Buch ״Als die Firma verkrachte “. Die plötzliche Veränderung des äußeren Lebens wird in ihrer Wirkung an einer Reihe von psychologisch sehr fein beobachteten Einzelbildern und Typen aufgezeigt. Hervorgehoben sei beispielsweise das Kapitel ,,Samuel Jacobs“, das den Gegensatz der Generationen ergreifend zum Ausdruck bringt, und das Schlußkapitel, das das Zusammen wachsen der bisher nur äußerlich verbundenen j!üdischen Familie durch die Not zum Vorwurf hat. Der Auseinandersetzung des heutigen Judentums mit dem Christentum, dem Eintreten für Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit gilt Si e m e r s Roman ,,Juda und die Anderen“, zu dem Max Br od ein zustimmendes, doch nicht unkritisches Vorwort geschrieben hat. Vier junge Menschen, zwei Juden und zwei Christen, verkörpern die Typen, die Siemer als die wesentlichen Vertreter der heutigen Generation sieht: der rein theoretisch bestimmte Ostjude, der zum Fanatiker der Idee des Umsturzes und der Umwertung aller Werte wird und der friesische Gutsbesitzerssohn, den sein Weg in die rechtsradikalen Kreise führt; ihnen, gegenüber die beiden Maßvollen, die sich die Unbefangen- S*