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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · Heft 1 · p. Seite 69

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
74 (1930)
Issue
Heft 1
Article
[Rezension]
Date
1930-01-01
Page
Seite 69 (sequence 5)
Language
German
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69 Ein ■ künstlerisch und psychologisch wertvolles Buch verdanken wir L udwig L e w i s o 11 n. Sein Roman umspannt einen Zeitraum von fast ]mildert Jahren und führt aus dem russisch-polnischen Ghetto über die deutsche Kleinstadt und Berlin in das heutige Amerika; er beginnt in Wilna im Jahre 1840 und endet in New York in unserer Gegenwart. Ein Roman der Generationell also, in dem die Gegensätze der Generationen sich spiegeln, die Geschichte einer jüdischen Familie, in der der natürliche Gegensatz der Generationen seine besondere Färbung und seine eigentümliche Problematik durch die Stellungnahme der einzelnen zum Judentum erhält. Verstandesmäßige Loslösung von der Tradition und gefühlsmäßige Gebundenheit an Religion und Volksgemeinschaft bilden das Grunderlebnis der vier Generationen. Mendel der Melamed zerbricht an diesem Gegensatz; sein Sohn Ephraim, nach Deutschland ausgewandert, erlebt den Uebertritt seines begabtesten Sohnes zum Christentum. In seinem Enkel Jacob schwindet in Amerika, wo nicht Ahnen, sondern nur Fälligkeiten gewertet werden, die Erinnerung an das Vergangene, Jüdische, obwohl er in seiner Lebensauffassung־ Jude bleibt. Erst in dem Urenkel Mendels, Arthur, kommt der innere Kampf zum vollen Durchbruch und zur Lösung. Erlebnisse der frühen Kindheit formen, ihm unbewußt, seine Einstellung zu seiner jüdischen und nichtjüdisehen Umgebung. Er will sein ,,wie die anderen“. Aus den Erfahrungen des Antisemitismus und stark bestimmt durch die psychologischen Erkenntnisse Freuds und Adlers wie durch das Erlebnis, daß seine Ehe mit einer Christin nicht letzte Gemeinsamkeit werden kann, reift in ihm der Entschluß, Jude sein zu wollen. Jude aber nicht wie sein Vater, durch eine lockere, rein gewohnheitsmäßig festgehaltene Bindung an das Judentum, sondern willensmäßig־ und bewußt, indem er seine Arbeit als Jude an Juden und für Juden leistet. Antisemitismus, das ungelöste Problem der Mischehe und vor allem Adlers Theorie des Minderwertigkeitsgefühls stellen jedoch wesentlich negative Faktoren dar. Entscheidend und kraftspendend ist das Irrationale, ,,das Erbe im Blut“, das sich als tiefe, geschichtliche Verbundenheit, als unbesiegbar und ewig offenbart. Den! Urenkel des abtrünnigen Melamend gelingt, kraft dieses Erbes, woran drei Generationen scheiterten: den Ausgleich zwischen dem Heute und dem Einst, dem Ich und der Welt zu finden. Dr. Lotte Barschak. Lic. Herbert Preislier: Christentum und Ehe in den ersten 3 Jahrhunderten. Berlin 1927, Trowitzsch & Sohn, 260 Seiten. Eine gut geschriebene, sehr interessante Abhandlung. Die Stellung zur Ehe und zum ehelichen Geschlechtsverkehr in der christlichen Lehre und Praxis von Jesus an über die einzelnen im Urchristentum auftretenden Strömungen und Sektenbildungen bis zur Konsolidierung der Kirche werden untersucht und ausführlich dargelegt. Es wird geschildert, wie Jesus aus seinem Glauben an die unmittelbar bevorstehende Aufkunft eines neuen Aeon den irdischen Bindungen und also auch der Ehe gegenüberstand, daß er sich um sie nicht kümmerte, ,weil diese Erde ihm vor dem Untergang stand, wie diese eschatologische Stimmung sich allmählich verflüchtigte und man deshalb aus dem Zwange des Lebens zu einem tieferen Nachdenken über Recht oder Unrecht des ehelichen Lebens kam. Er schildert, wie in den Menschen, die die Ehe ablehnen, zwei Motive sich wechselnd kreuzen, das Motiv der Askese aus dem Willen besonderer Leistung und das Motiv der aus dem Hellenismus eindringenden Vorstellung von der Minderwertigkeit des Fleisches gegenüber dem Geist. Er zeigt auf, wie um die Probleme der Scheidung, der Wiederverheiratung nach erfolgter Scheidung, der Wiederverheiratung nach dem Tode der Ehehälfte gerungen wird, und er findet, daß das der wesentliche Beitrag des Christen-

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