Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Erez Israel in der Responsenliteratur des späteren Mittelalters
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 48 (sequence 5)
- Language
- German
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48 In der Tat finden wir auch ein Responsum des R. Simson b. Abraham aus Sens, der bekanntlich1 zu den Auswanderern nach Palästina gehörte, an R. Menachem. R. M. gelobte nämlich, nach Palästina auszuwandern, konnte aber die Reise nicht unternehmen, weil seine Frau schwanger war. R. Simson meint, daß man das Gelübde auflösen kann. Denn mit der Frau darf er mit Rücksicht auf ihren Zustand nicht fahren. Ohne die Frau aber darf er es nicht, denn er darf sie nicht für immer allein zurücklassen2. Ich halte es für ausgeschlossen, daß R. Menachem das Gelübde aus Reue getan hätte, nach Palästina zu ziehen, um dort das Grab Maimunis zu besuchen, wie es später R. Jona Gerundi, der frühere Gegner Maimunis, und andere getan haben3. Denn erstens folgt aus den Worten des R. Simson, daß R. Menachem nicht wallfahrten, sondern sich dauernd in Palästina mit seiner Frau niederlassen wollte. Zweitens ereignete sich der Fall mit R. Jona Gerundi nach der Talmud Verbrennung in Paris, also im Jahre 1242; und damals war R. Simson nicht mehr am Leben4. Ich glaube daher, daß R. Menachem sein Gelübde wahrscheinlich um das Jahr 1211 tat, und daß er zusammen mit den 800 Rabbinern aus wandern wollte, dazu aber nicht kam. R. Simson hat in diesem Falle gewiß das Gutachten noch vor seiner Auswanderung nach Palästina abgegeben. Das Gelübde des R. Menachem hatte einen ganz anderen Charakter als das des R. Jona: Er wollte in Palästina wohnen, w e i 1 d i e s i 11־ m als Verdienst erschien. Höchstwahrscheinlich spielten auch bei den anderen 300 Rabbinern ähnliche Motive mit. Natürlich mögen auch andere Momente mitgewirkt haben: die schlechte Lage der Juden in Frankreich, auf die schon Grätz verweist, und die politisch günstige Lage der Juden in Palästina5. Gerade die schlechte Lage der Juden in Frankreich und das schon mehr als 100 Jahre andauernde Strömen von Kreuzzüglern nach Palästina, denen es aber nicht gelang, dort ein dauerndes Königreich zu errichten, erweckten in den Juden nicht nur eine Sehnsucht, nach Palästina auszuwandern, sondern sogar ein Bedürfnis, dort zu wohnen und ein frommes, abgesondertes Leben zu führen. Eine solche Bewegung konnte in ihrem Anfänge bloß Gelehrte, die sich mit den Fragen über die Bedeutung Palästinas befaßten, ergreifen. Daher wunderten zunächst bloß Gelehrte aus. Später aber dehnte sich diese Bewegung auch auf andere Kreise aus: Männer und Frauen betrachten es als Verdienst, nach Palästina auszuwandern, manche sogar sich dort bloß eine kurze Zeit aufzuhalten; sie gelobten daher bei verschiedenen Anlässen, nicht nur 1 Vgl. Grätz a. a! O. R. Simson ist im Jahre 1230 (1235) gestorben. 2 S. weiter II 1. 3 Zu R. Jona Gerundi vgl. Grätz VII 107 f. 4 Vgl. oben Anm. I. 5 Daß die Lage der Juden in Palästina unter jenem König gut war, geht aus Sehe bet Jehnda a. a. O. hervor. Vielleicht haben die Juden Frankreichs schon früher gewußt, daß der König den Juden gut gesinnt ist. lieber diesen König vgl. Krauss in M61anges RRJ a. a. O. .S. 336.