Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1929)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 68 (sequence 2)
- Language
- German
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68 darf. Im Bereich der griechischen Grammatik wird einem 2. B. die Annahme, daß das Digamma etwa im sechsten vorchristlichen Jahrhundert untergegangen sei, durch die literarischen Quellen förmlich aufgedrängt; in Wirklichkeit ist dieser Laut jedoch noch heute in einem neugriechischen Dialekt, dem sogen. Tsakonischen, lebendig. Für die Kehlbuchstaben des Hebräischen Liegen nun die Dinge nicht einmal so, daß der Talmud ihre unterschiedslose Aussprache oder vielmehr Nicht-Aussprache voraussetzte; dort wird im Gegenteil — am deutlichsten in b. Meg. 24 b — die Verwechselung der Kehlbuchstaben lediglich als eine provinzielle Eigentümlichkeit hingestellt. Kahles Auffassung, daß die Einführung der Chatef-Vokale und des Patach furtivum den Zweck gehabt habe, eine differenzierte Aussprache der Kehlbuchstaben zu sichern, ist daher nicht wahrscheinlich, und es ist jedenfalls viel einfacher anzunehmen, daß die Punktatoren die fraglichen Vokalzeichen gesetzt haben, weil sie die entsprechenden Laute zu hören glaubten. Daß diese Laute in der Transkription der Septuaginta und der Hexapla und ursprünglich auch von den Punktatoren selbst nicht berücksichtigt worden sind, will nicht viel besagen: handelt es sich hier doch eben nur um Halbvokale; und überdies ist allerdings sehr wohl damit zu rechnen, daß sie in vormasoretiseher Zeit nicht im ganzen Verbreitungsgebiet des Hebräischen gehört wurden. Hinsichtlich des *!-Suffixes, von dem K. meint, daß es allgemein ohne den vokalischen Auslaut gesprochen wurde, darf man vielleicht einen Unterschied zwischen Palästina und Babylonien statuieren. Wir sind geneigt, Kahles These für Palästina anzunehmen, nicht aber für Babylonien, da in den Texten mit babylonischer Punktation von Anfang an der vokalische Auslaut an all den Stellen erscheint, an denen ihn auch die Tiberienser bieten. Die Tiberienser haben, so meinen wir, in diesem Punkte die babylonische Ueberlieferung trotz entgegenstehender palästinischer rezipiert, wie sie auch in so vieler anderer Hinsicht von den Babyloniern in weitgehendem Maße abhängig sind. — Die von K. veröffentlichten liturgischen Texte bieten nun nicht nur wegen ihrer Punktation, sondern auch wegen ihres Inhalts großes Interesse. Es handelt sich um eine Reihe von Kerobot, deren jede auf eine der 24 Priesterordnungen (משמרות) Bezug nimmt; erhalten sind — z. T. sehr lückenhaft — die Kerobot, die der elften bis neunzehnten Priesterordnung gewidmet sind. In dieser Beziehung auf die Priester- Ordnungen liegt die liturgische Bestimmung dieser Texte angedeutet: sie sind sicherlich nicht zum 9. Ab gedichtet, wie K. wohl auf Grund eines Mißverstand nisses annimmt (S. 78), sondern sollten in wechselnder Reihe an den Sabbaten vorgetragen werden, wie die Priesterordnungen selbst ja von Sabbat zu Sabbat im Tempeldienst gewechselt haben. Es muß zur Zeit des Piutdichters noch eine Tradition bestanden haben, die die einzelnen Priesterordnungen zu ihren Sabbaten in kalendarische Verbindung brachte. Alle Kerobot aus diesem Zyklus zeigen eine außerordentliche Gleichmäßigkeit im Aufbau — der dem von. Davidson für Jannais Kerobot nachgewiesenen ähnelt — und stammen daher sicherlich von einem Dichter. Dessen Person verbirgt sich uns leider hinter einem Rätsel. In dem hinter den Worten ואתה קדוש אל נא folgenden, bei Kahle immer mit III a bezeiphneten Stücke, in dessen unmittelbarer Nachbarschaft auch sonst das Namensakrostichon eines Keroba-Dichters aufzutreten pflegt, finden wir hier fast regelmäßig das Akrostichon הרותהו. Am besten ist es in den Nrn. 16 und 18 bezeugt, aber auch die Nrn. 11, 13, 15, 17, 19 lassen es, soweit in ihnen das fragliche Stück erhalten ist, deutlich erkennen; nur in 12 und 14 fehlt es. Auffällig ist auch, daß das Stück III a über die sechs mit den Buchstaben des Akrostichons beginnenden Halbverse hinaus immer noch zwei andere bietet, die wechselnde Anfangsbuchstaben haben. Mit Recht hält der Herausgeber die neuen Piutim für etwas jünger als die Jannais. Da wir erfreulicherweise Von Kahle und seinen Schülern noch weitere Veröffentlichungen von Kerobot zu erwarten haben, so wird es bald möglich sein, einmal eine Geschichte dieses wichtigen Sonderzweiges der Piutdichtung zu schreiben. Schon jetzt gewinnt man den Eindruck, daß dem Eleasar ben Kalir eine ausgedehnte Kerobaliteratur voranlag, deren verschiedengerichtete Entwicklungstendenzen sich inseinen Kompositionen wie in einem Brennspiegel sammelten; charakteristisch für seine Stellung gegen-