Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1929)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 67 (sequence 1)
- Language
- German
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67 Besprechungen Paul Kahle: Masoreten des Westens. Mit Beiträgen von Dr. Israel"Rabin und 30 Lichtdrucktafeln. (Texte und Untersuchungen zur vormasoretischen Grammatik des Hebräischen, hrsg. von P. Kahle. Bd. I.) Stuttgart, W. Kohlhämmer, 1927. XII, 89, 66, 27 S. (Beiträge zur Wissenschaft vom Alten Testament. Neue Folge, H. 8.) Mehr als irgend ein anderer lebender Gelehrter hat Paul Kahle die Probleme der Ueberlieferungsgeschichte der hebräischen Bibel geklärt und gefördert. Auch das vorliegende Buch enthält neben manchem, was mehr oder weniger zum Widerspruch reizt, so viel des Beachtenswerten und des Anregenden, daß wir dem Verfasser zu großem Dank verpflichtet sind. Die ״Masora des Westens“ gliedert sich in die beiden Epochen der!iberischen Punktation und der ihr zeitlich voranliegenden erst Ende des vorigen Jahrhunderts neu entdeckten ,,palästinischen“. Kahle meint, daß die tiberische Punktation einmal als vollkommen ausgebildetes System neu eingeführt worden sei und daß sich Spuren einer Entwicklung für sie aus den Handschriften nur in sehr beschränktem Maße nachweisen ließen (S. 24). So seien die Regeln der Metegsetzung in den verschiedenen Handschriften verschieden, und es sei falsch, die hier für den Textus receptus (Venedig 1524) maßgebenden Regeln ohne weiteres schon als für die Ben Ascher bindend vorauszusetzen und darum den Kairiner und den Aleppiner Kodex, die unter deren Namen überliefert sind ,י ihnen abzusprechen (S. 20). — Dem ist gewiß zuzustimmen. Kahle irrt aber wohl, wenn er hinsichtlich der ,Behandlung des Meteg einen Gegensatz zwischen älteren und jüngeren Handschriften annimmt. Soweit wir feststellen können, ist zunächst vielmehr ein Gegensatz zwischen den deutschen Handschriften auf der einen Seite und den spanischen und italienischen auf der anderen zu konstatieren. Das Meteg, das vor einem Chatef-Vokal den entsprechenden Vollvokal stützt, wird in den deutschen Handschriften immer gesetzt, in den spanischen und italienischen aber auch im 15. Jahrhundert, soweit wir sehen, niemals. Umgekehrt ist übrigens der Gebrauch des Rafe-Striches zur Bezeichnung der Quieszenz von א und ה in Europa auf spanische und italienische Handschriften beschränkt: in den deutschen wird er durchaus vermißt. In beiden Fällen hat sich die deutsche Schreibung in den Drucken durchgesetzt. Viel stärker als im tiberischen System sind im palästinischen die Ab« weichungen vom Textus receptus. Wir kannten bisher dieses System nur aus eigentümlich abgekürzten Texten, die im allgemeinen von jedem Wort nicht mehr als einen Buchstaben boten. Kahle liefert uns jetzt zum ersten Mal Volltexte: hauptsächlich liturgische Texte, die jedoch auch zahlreiche Bibel« verse enthalten. Die Abweichungen bewegen sich nun vor allem nach zwei Richtungen. Einmal ist bei dem Suffix ך der 2. Person das Fehlen des auslautenden Vokals, das wir in der tiberischen Ueberlieferung fast nur bei den Pausal« formen לך und בך gewahren, in den jetzt vorliegenden Texten durchgängige Regel; das gilt sogar von dem ך der 2. Person Pluralis: also z. B. banaek deine Kinder (S. 46). Sodann ist die Vokalisation der Kehlbuchstaben eine viel einfachere als die uns gewohnte: es fehlt nicht nur das Patach furtivum, sondern auch alles, was irgendwie einem Chatef-Vokal entsprechen könnte. Kahle möchte aus diesem Befund unter Heranziehung anderer .Zeugnisse folgern, daß es sich bei den fraglichen tiberischen Vokalisationen um. reine Neuschöpfungen handele, daß also das Suffix ך vor der Zeit der Masoreten allgemein ohne den vokalischen Auslaut gesprochen sei und daß das Patach furtivum oder die Chatef-Vokale gerade die Aufgabe gehabt hätten, die künstlich wiedererweckte Scheidung zwischen den Kehlbuchstaben gewissermaßen zu stützen. Die Möglichkeit, daß die von den Masoreten schließlich sanktionierte Aussprache wenigstens in einem Teil der Ueberlieferung lebendig gewesen sein könne, glaubt K. auf Grund seines Materials ausdrücklich ablehnen zu dürfen (S. 47 ff.). — Dieser radikalen Interpretation können wir uns nicht anschließen. Zunächst ist allgemein zu sagen, daß die Kraft eines selbst auf zahlreicheren Indizien beruhenden Induktionsbeweises in Fragen des Sprachwandels nicht überschätzt und die Zähigkeit, mit der sich Althergebrachtes in bestimmten Bezirken halten kann, nicht unterschätzt werden 5*