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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1929-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1929) · p. Seite 60

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
73 (1929)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1929)
Article
Die Zunahme der jüdischen Einwohner in den Vorortgemeinden Groß-Berlins
Date
1929-01-01
Page
Seite 60 (sequence 4)
Language
German
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60 Anders als die Bevölkerungsbewegung in Alt - Berlin ist die seiner Vororte. Von 1910 auf 1925 ist die Judenschaft in Alt״ Berlin um 3 Prozent zurückgegangen, ihre Zahl ist aber um 60 Prozent in den Vororten gestiegen, so daß sie für Groß Berlin, das gesamte Berlin, einen Aufschwung von 20 Prozent oder einem Fünftel genommen hat. Bei der Gesamtbevölkerung Groß Berlins beziffert sich der Zuwachs auf 8 Prozent, aber die größere Steigerung der jüdischen Anteile ist nicht auf den Ueberschuß der Geburten über die Todesfälle zurückzuführen, denn umgekehrt seit 1914 bis 1925 blieben die Geburtsziffern der Juden weit zurück gegenüber den Todesfällen, auch kann man nicht von einer Masseneinwanderung von Ostjuden sprechen, sondern das Plus der jüdischen Anteile ist in der Hauptsache eine Folge des unglücklichen Ausgangs des Weltkrieges. Tausende von Familien aus den verlorengegangenen Provinzen Posen, Westpreußen und zum Teil auch aus Oberschlesien sind, um nicht unter die Fremdherrschaft zu kommen, die ihr Schicksal ungewiß machte und ihre Existenzmöglichkeit untergrub, nach Berlin übergesiedelt und haben das Wachstum der jüdischen Gemeinde Berlins veranlaßt. Zum großen Teil waren es ältere Leute, die in den 20. Jahren unseres Jahrhunderts nach Berlin zuwanderten und sich zu dem Mittelstand rechnen konnten. Aber durch den Verfall der Währung in der Inflationszeit kamen die meisten unter die Räder dieser Ent- Wicklung und verloren ihr Vermögen, ohne daß es ihnen möglich war einerseits wegen ihres Alters, andererseits durch die Verarmung der Gesamtbevölkerung und ihre eigene neu aufzubauen und sich über Wasser zu halten. Die Not der alten Leute schreit zum Himmel; ein Beweis hierfür ist, daß grade unter den Alten der Gesamtbevölkerung die Selbstmordziffern gestiegen sind, und das dürfte auch bei den Juden der Fall sein, und es bedarf besonderer Vorkehruiigen, um diesen armen Menschen zu helfen und ihren Lebensabend erträglich zu machen. Hier genügt nicht schematisches Vorgehen־, sondern warme Menschenliebe, die in der jüdischen Mitte immer und hoffentlich auch gegenwärtig anzutreffen ist, muß sich dieser Kreise annehmen, ohne auf die staatlichen Hilfsmaßnahmen hinzuweisen oder auf die der jüdischen Gemeinde zu Berlin, deren Mittel auch beschränkte sind, zu warten. Denn grade diese Bemitleidenswerten, die vor dem Kriege zu den Gebenden gehörten, sind ohne ihr Verschulden in die mißliche Lage geraten und deshalb umso beklagenswerter, weil sie verschämte ״Arme“ geworden sind, die einen Horror vor der öffentlichen Fürsorge berechtigter Weise haben, und die nur durch eine persönliche Fürsorge von Mensch zu Mensch betreut werden können. Die deutschen Zuwanderer wohnen in allen Stadtteilen Groß Berlins, im Westen und im Osten, im Norden und Süden, wo sie grade eine passende Wohnung gefunden, oder zugewiesen erhalten haben. ׳•־--.•׳ Doch wollen wir nach dieser Betrachtung wieder auf die Bevölkerungsverhältnisse in den Berliner Vorortgemeinden zu sprechen kommen. Von den 69 Ortsbezirken haben 4 kleinere Bezirke überhaupt keine jüdischen Einwohner, und 2 haben sich auf der Höhe von 1910 gehalten und bei 6 weiteren kleineren Bezirken ist die Zahl der Juden zurückgegangen. In 11 Gemeindenist die Zahl der jüdischen

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