Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1929)
- Article
- Die Auflösung des Gelübdes
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 45 (sequence 13)
- Language
- German
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45 das große Ansehen, dessen .das Gelübde sich im Volke erfreut und die Hilleliten treffen meist rigorose Entscheidungen in dieser Beziehung1, was ihrer sonstigen halachischen Praxis zuwiderläuft. Das unmoralische Gelübde hat aber, wie einige Abschnitte aus dem ersten Kapitel beweisen, zu sehr überhand genommen und zu große Schäden angerichtet, als daß der Jude dem gleichgiltig hätte Zusehen können. Besonders empörte sich das rein ethisch-jüdische Gewissen, von der Bibel solange genährt, gegen die Benachteiligung der Eltern, die das Gelübde trotz dem hohen Ansehen des Dekalogs bewirkte. Die Häufung solcher Fälle führt die geistige Revolution herbei, die durch die Zerstörung des Tempels begünstigt wurde. Wohl protestiert schon Philo2 ganz im Geiste des Judentums gegen die unmoralischen Gelübde. Auch die Evangelien lassen Jesus die Pharisäer angreifen3, weil eine bestimmte Gruppe dieser Partei, die Hilleliten gegen jene verheerende Volkssitte keine ablehnende Haltung annehmen4. Solche Proteste dürften im ersten Jahrhundert keine Seltenheit gewesen sein. Quellenmäßig läßt sich aber nachweisen, daß erst R. Elieser b. Hyrkanos5 kühne Schritte unternimmt, um über das unmoralische Gelübde den Stab zu brechen. Er will durch den Hinweis auf die Ehre der Eltern jedes Gelübde vernichten respektive aufheben können. Es läßt sich nicht verkennen, daß ein Zusammenhang zwischen der Ansicht R. Eliesers und den Evangelienstellen besteht, doch behalte ich es mir vor, dieses an sich schwierige Problem in einem anderen Zusammenhänge zu erörtern. R. Elieser, der Schammaite hält sich merkwürdigerweise an den Dekalog und will jedes Gelübde, auch wenn es sich nicht um eine Sache zwischen einem Sohne und seinen Eltern handle, durch den Hinweis auf die Ehre der Eltern entkräften, ,während die anderen Gelehrten nur in jenem Falle, die Auflösung billigen. Erst R. Meir war es geglückt, der Ethik des Judentums zum endgültigen Siege zu verhelfen. Er verläßt diesen engen Kreis des genannten Dekaloggebotes und hebt jedes Gelübde auf, das im Widerspruche mit den verschiedenen ethischen Grundsätzen der Bibel steht6. Dadurch gerät es bei ihm überhaupt in Mißkredit und die Sage läßt sogar dem Besitzer seines Stockes מקלו של ר' מאיר zum leichtfertigen Auflöser von Gelübden bevollmächtigen7. Aus dieser Zeit hören wir zum ersten Mal, daß die Reue des Voventen, der das unmoralische Gelübde im aufgeregten Zustande getan hat, ihn von den Pflichten der Einlösung enthebt 1 M. Nasir 36. 2 De spez. leg. II 13 ff. 3 Matt. 15s ״ujasTc; os Xqsxs. °0<; av eiicyj xif. icaxpl xff p-Yj-cpi: A&pov, 0 edv ejxoo d)cpsX7]0־iJ<;, xal 06 p] xipjafl xov Tcaxipx aozou xr]v y17]Tspa auiou. VergL Mark. 7l0, u. 4 Ich deute hier ein Ergebnis meiner Studien über die Stellung Jesu zu den Pharisäern an, das diese viel umstrittene Frage in ein ganz anderes Licht rückt. 5 M. Ned. 9!. Jede Mi dieses ganzen Abschnittes weist zwei Schichten auf, den erzählten Fäll und eine verallgemeinernde prUYlö-Fassung, die von einer späteren Hand herrührt. Vgl. b. die Erklärung Maim. in seinem Mischnakommentar zu diesem ganzen Abschnitt. 6 M. Ned. 94. Vgl. ibid. 98. 7 Jer. Ned. 25.