Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1929)
- Article
- Die Auflösung des Gelübdes
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 44 (sequence 12)
- Language
- German
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44 seine Stimme gegen die Ansicht einer Mehrheit nicht erheben1. Trotzdem gehen die späteren Gelehrten, die letzten Tannaiten2 und viele Amoräer3 stillschweigend weit darüber hinaus. Einige führen sogar aus freien Stücken den neuen Fall herbei, um die Auflösung zu erzwingen4. Weiters ist doch die Reue des Voventen sicherlich ein später eintretendes Moment und trotzdem gibt sie vielen Tannaiten und Amoräern zur Auflösung genügenden Anlaß5. Wir sehen daraus, daß andere Beweggründe zu diesem unaufhaltsamen Verfall des Gelübdes geführt haben. Das Schwinden der alten Vorstellungen kann nicht der einzige Grund hierfür sein, weil es doch hauptsächlich durch die Zerstörung des Tempels und das Fehlen der Opfer herbeigeführt wurde. Es gibt eben eine bestimmte Triebkraft, die in diesem geistigen Prozeß wirkt. Wir bemerken im Talmud ein gewisses Streben, das Gelübde herabzuwürdigen, es als Sünde zu erklären6. Dafür kann das Schwinden der Tabu Vorstellungen allein nicht genug Grund sein. Die Triebkraft zum Verfall bildete der innere Konflikt der Ethik mit der Unmoral, die dem Gelübde seit jeher anhaftete, was der nächste Abschnitt zum Inhalte haben wird. III. Die unmoralischen Gelübde. Das Tabu kennt keine Ethik. Das größte Verdienst der Menschheit besteht in der Ueberwindung der Tabuvorstellungen. Keinem einzigen Volke, auch nicht dem griechischen, war sie fremd, nur das Tempo derselben ist verschieden. Es liegt im Wesen des Judentums, daß der Kampf gegen das Tabu ein langwieriger und hartnäckiger war, es liegt aber ebenso in seinem Wesen, daß schließlich die Ethik doch den vollständigen Sieg davongetragen hat. Wenn man die geheimnisvolle Furcht vor den bösen Folgen der Tabuverletzung sich vor Augen führt, kann man sich nicht verwundern, warum das Tabu jede ethische Regung, die ihm entgegentrat, abtöten konnte. Ein Bauernvolk ist jedenfalls sehr konservativ und tatsächlich bedienten sich die jähzornigen Galiläer des Gelübdes,, das die Unmoral zur Folge hatte, am häufigsten7. Trotzdem konnten die Weisen es nicht gerne sehen, daß das Gelübde im Volke in Mißkredit gerate, denn dadurch ginge auch manch Gutes verloren. Die Bedeutung, die man dem Worte beigelegt hatte, hatte zur Folge, daß man weniger wortbrüchig war als später. Anderseits wäre die Herabwürdigung des Gelübdes gleichzeitig ein Verstoß gegen das ganze Opferwesen, das den eigentlichen Kultus noch immer ausmachte. Auch hätten sie dadurch zu sehr die damalige Volksseele verletzt, was ihre ansehnliche Stellung im Volke verringert hätte. Die Hilleliten, die die eigentlichen Volksführer waren, konnten auf ihre Gunst bei den Massen nicht leicht verzichten. Deshalb stützt sich R. Gamliel, der Alte, auf 1 M. Ned. 90. 2 Z. B. R. Jehuda in b. Ned. 21b u. a. 3 R. Johanan im jer. Ned. 9!. R. EPasar und R. Assi nach b. Ned. 21b u. a. 4 Wie das Gelübde des R. Simon b. Rabbi, b. Ned. 23a und jer. ibid. 9r 5 B. Ned. 21b, 22b ,und jer. ibid. 9r 6 Die Ansicht R. Natans in b. Ned. 22 a u. Parallelen, weiters ibid. die Ansicht R. Gamaliels und Mar Samuels. Vgl. b. Ned. 77b. ל M. Ned. 5fi.