Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1929)
- Article
- Die Auflösung des Gelübdes
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 43 (sequence 11)
- Language
- German
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ging ursprünglich zum Hacham um Rat zu befragen, nachdem die Erfüllung des Gelübdes unmöglich geworden ist, wie z. B. beim Notgelübde, die er aus Angst vor Räubern und Erpressern tun mußte. Der Hacham, der ihm weitere Gewissensbisse ersparen wollte, erleichterte es ihm insofern, als er ihm die Verzeihung Gottes versprach. Diese Uebergangsstufe kann man zur Zeit der Blüte der Schulen Schammais und Hilleis konstatieren. Die Mischna1 zählt 4 Arten von Gelübden auf, die die Weisen erlaubten. In einzelnen Punkten dieser Arten sind aber diese zwei Schulen streitig. Die Amoräer2 sind nicht darin einig, ob man noch in diesen 4 Fällen einer Auflösung bedarf, weil sie im Geiste ihrer Zeit die Begriffs- Verschiebung zu berücksichtigen nicht imstande waren. Die eigentliehe Auflösung setzt erst an, seitdem man sich vom Buchstaben des Gelübdes ein wenig zu befreien begann, um seinen Wert auf den Sinn zu verlegen3. Erst dann sagte man, das Gelübde, das auf einem Irrtum oder auf einer falschen Voraussetzung von vornherein beruhte, müsse nicht berücksichtigt werden. Da tritt die Auflösung ihren ersten Entwicklungsgang an. Insofern es sich überhaupt quellenmäßig nach weisen läßt, macht hier der Schammai jünger Nachum der Medäer den ersten Schritt vorwärts4. Er unterscheidet nicht zwischen einem Gelübde, das von vornherein auf einem Irrtum beruhte und einem, dessen Irrtum auf Grund eines erst später entstandenen Falles כולד festgestellt wurde. Die Weisen seiner Zeit protestierten zwar gegen diese Neuerung, die Nahum kurz nach der Zerstörung des Tempels wagte; dem Verfall des Gelübdes durch allmähliche Abbröckelung der alten Vorstellungen konnte man jedoch nicht Einhalt gebieten. Nach einigen Jahrzehnten spricht sich sein Geistesgenosse R. Elieser b. Hyrkanos5 schon für die Ansicht Nahums aus und erhebt sie sogar zur Regel. Die Weisen seiner Zeit sträuben sich jedoch noch dagegen. Sogar R. Meir, der das Gelübde geringschätzte, wagte nur einen Vermittlungsantrag, er kann jedoch 1 Ned. 3r4. 2 B. Ned. 21b und jer. ibid. 3r 3 Das Sichklammern an den Buchstaben geht auch aus M. Ned. 23 יש נדר בתוך בדר hervor. Dieselben Beobachtungen bei den Griechen nach Hirzel 53 ff, 4 Nasir 54. ״Darin hat Nahum. der Meder sich geirrt. Als die Nasiräer von dem Auslande heraufkamen und den Tempel zerstört sahen, sagte ihnen Nahum der Meder: wenn ihr gewußt hättet, daß der Tempel zerstört sein wird, hättet ihr das Nasiratsgelübde getan? Sie sagten: nein! Daraufhin erklärte Nahum ihr Gelübde für unverbindlich. Als dies vor die Weisen kam, sagten sie: *wer ein Nasiratsgelübde vor der Zerstörung des Tempels getan hat, ist ein .Nasiräer, wer es hingegen nach der Zerstörung des Tempels getan hat, ist kein Nasiräer.“ Aus den Worten der Weisen ist ersichtlich, daß es sich hier noch gar nicht um eine Auflösung im späteren Sinne handelt, sondern um eine Entscheidung Nahums, die gleichzeitig eine Beruhigung ist. Von bes. Interesse ist Maimonides in seinem Mischnakommentar zur Stelle, worin er von der amoräischen Erklärung mit bes. Nachdruck abweicht. Diese Stelle erinnert an den ähnlichen Fall während der Religionswirren zur Zeit Antiochos. Nach I Makk. 349-63 stellte man die Nasiräer, deren Zeit um war, vor Gott, :11m von ihm in diesem verzweifelten Moment seine Hilfe zu erflehen. Von einer Auflösung war natürlich damals gar keine Spur. 5 M. Ned. 9.,.