Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1929)
- Article
- Aus der neuesten Mischnaliteratur [Rezension]
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 15)
- Language
- German
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18 Christus und die Christen hassende Geist des Judentums gefunden in der ״ . . Fluchformel wider die Christen, die dem bekannten Schemone ‘Esre-Gebet ein verleibt ist'״, so übersieht er, *wie viele andere1, daß es sich um abtrünnige Juden handelte — Judenchristen, und nicht Christen —, die nach der Tempel Zerstörung das Judentum, als es vom äußeren Feind zertreten am Boden lag, in seiner Existenz bedrohten und von innen heraus zu zersetzen suchten. Es ist leicht begreiflich, daß das Judentum sich dagegen wehrte und die Abtrünnigen durch öffentliche Verfluchung aus den jüdischen Gotteshäusern zu verdrängen suchte, wo jene hinkamen2, um ihre Volksgenossen dem Judentume abzuw^enden. So gesehen, stellt sich die Minimformel nicht als Kampfmittel — dem Haß gegen Andersgläubige entsprungen —, sondern als Verteidigungsmittel dar. B. schließt seine diesbezügliche Betrachtung (S. 151): ,,Synagoge und Kirche, die einander viel zu verdanken haben, haben einander auch viel zu vergessen und zu verzeihen." Nach dem Gesagten können wir zwar diesem schönen Satz nicht ohne Einschränkung zustimmen, aber zum Vergessen und Verzeihen sind wir zu jeder Zeit bereit. Unser aufrichtiger Wunsch ist es, daß dieser Ruf auf der Gegenseite Widerhall finde, daß die so oft betonte Menschenliebe endlich in die Tat umgesetzt werde, damit wir in Ruhe dem ״Gott unserer Väter" auf unsere Art dienen können. Zuletzt möchte ich nochmals hervorheben, daß B.s Arbeit, trotz mancher Irrtümer und trotz seiner den Schriftgelehrten nicht ganz gerecht werdenden Würdigung in der Einleitung, als Fortschritt zu werten ist, der Anerkennung verdient. Nach dieser ausführlichen Besprechung der Bearbeitung von Abot können die anderen zwei Traktate der Gießner Mischnaausgabe nur kurz behandelt werden. Novacks Bearbeitung von ‘Erubin3 unterscheidet sich von seiner Arbeit über ,,Schabbat", über die ich in meiner vorigen Besprechung referiert habe, nur wenig. Er hat seit seiner Herausgabe von ,, Schabbat" nichts dazu gelernt, und vielleicht noch etwas vergessen. Während er in seiner Einleitung zu Schabbat S. 23 noch richtig angab, daß am Sabbat das Schreiben mit umgekehrter Hand usw. ״schuldfrei ist", behauptet er in der Einleitung zu Erubin S. 1, -daß dieses zulässig sei. Er kann also zwischen פטור und ם1תר nicht mehr unterscheiden! Dieser erschreckenden Unkenntnis der elementarsten Begriffe begegnen wir im Kommentar auf Schritt und Tritt. N. ist ehrlich genug, in seinem Vorwort anzugeben, daß er der Arbeit von Baneth viel verdanke. Auch sonst benutzte er fleißig die jüdischen Arbeiten auf diesem Gebiet. Leider genügt das noch lange nicht. Er zitiert beispielsweise gleich am Anfang seiner Erklärung S. 13 ein deutsch geschriebenes Buch, in dem aber die hebräischen Worte in bezug auf ברסלית vor- 1 Abgesehen davon, daß der alte ursprüngliche Text sich nicht mehr feststelien läßt. 2 Vgl. Babli Ber. 29a und Jeruschalmi Ber. V 9c. 8 Die Mischna . . ‘Eru.bin (Vermischungen), Text, Uebersetumg und Erklärung nebst einem textkritischen Anhang von D. Dr. Wilhelm Novack, früher ord. Prof. a. d. XJniv. Straßburg, 1926, Verlag Töpelmann, Gießen, VIII u. 108 S., Preis 9 Mk.