Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1929)
- Article
- Aus der neuesten Mischnaliteratur [Rezension]
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 14)
- Language
- German
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17 ,,den Schülern ‘Bileams-“־ (V 19) unbedingt;,Christen“, insbesondere Judenchristen verstehen. Abgesehen davon, daß für diese ganze Vermutung nirgends eine Spur eines Beweises vorhanden ist, so ist die Identifizierung Bileam״ Jesus hier in Abot bestimmt falsch. Denn der bfeste Kommentar für die rabbinische Literatur ist in solchen Fragen immer noch die rabbinische Literatur selbst. Und da finden wir in Abot de R. Nathan, ed. Schechter S. 124, Belege aus Bibel־ stellen, daß Bileam all diese Eigenschaften, die die Mischna seinen Schülern zuschreibt, besessen habe. Dasselbe findet man auch in den Erklärungen der Midraschim zum Thoraabschnitt über Bileam, vgl. Tanchuma ed. Buber, Balak 9, Tanch. das. 6 und Num. rabba 2010. Danach auch die Erklärung Raschis zu Num 2218. Daraus ist zu ersehen., daß die Rabbinen den mischnischen Bileam nicht auf Jesus deuteten, sondern darunter den biblischen Bileam verstanden, insbesondere, da sie die Mischna zur Exegese der Schrift heranzogen. Danach erweisen sich all derartige Deutungen als Hirngespins-te. B. in seiner Erklärung deutet wenigstens an, daß die Identifizierung Bileam-Jesus nicht sicher ist. In der Einleitung (S.. XXIV) hingegen stellt er diese als feststehende Tatsache, hin und urteilt: ,,Freilich vertrug sich mit der allgemeinen Menschenliebe der giftige Haß gegen Andersdenkende, Apostaten und Häretiker V 19.“ Der Leser gewinnt hier den Eindruck, daß in unserer Mischna sich tatsächlich ein Haß gegen Andersdenkende usw. kundgibt, während dieser, erst־ hineingedeutet werden muß! Daß sich mit der allgemeinen Menschenliebe giftiger Haß gegen Andersdenkende verträgt, davon wissen wir Juden ein Lied zu singen. B. selbst hat in seinem Kommentar zu dieser Stelle einige Beispiele gebracht, vgl. weiter unten. Nach Bekehrungspredigten, die von Menschenliebe trofen, wurden Juden im Mittelalter gefoltert, gepeinigt und auf Scheiterhaufen verbrannt. Auch in unserer Zeit sind gerade die Regierungen, die vorgeben, nach ,;christlichen“ Grundsätzen zu herrschen, und gerade die Parteien, die angeblich ein ,,christliches“ Programm auf-weisen, von giftigem Haß gegen Andersdenkende erfüllt. Dasselbe gilt in der Regel von Zeitungen, die das Christentum als Aushängeschild mißbrauchen. In unserer Mischna findet sich dieser Haß nicht, wenn er nicht willkürlich hineingedeutet wird. B. in seinem Kommentar a. a. O. behandelt dann weiter das Thema der literarischen Fehde zwischen Juden und Christen. Dazu sind jiidischerseits einige Bemerkungen zu machen. B. beweist (S. 150), daß Paulus ,,nach seiner Bekehrung dem Haß des Abtrünnigen gegen das angestammte Volk mehr als einmal leidenschaftlichen Ausdrück gegeben“ hat. Er zitiert auch andere gehässige Urteile über Juden aus dem Neuen Testament. Für die jüdische Polemik gegen das Christentum verweist er aber auf Stracks Buch: Jesus, die Häretiker und die Christen. Wer dieses Buch kennt, weiß, daß der weitaus größte Teil der dort behandelten Stellen sich gar nicht auf Christen bezieht (Häretiker, Bileam, Ben Stade u. dgl. vgl. auch Strack, Vorwort S. 5), und daß von Haß und Beschimpfung überhaupt nicht die Rede sein kann. Daß der Talmud an Jesus nicht glaubte und ihn als abtrünnigen Juden ansah, ist klar. Wenn aber B. ferner behauptet: ,,Den klassischen Ausdruck hat der ehemalige, Monatsschrift, 73. Jahrgang. 2