Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1929-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1929) · p. Seite 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
73 (1929)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1929)
Article
Aus der neuesten Mischnaliteratur [Rezension]
Date
1929-01-01
Page
Seite 14 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2829132-2829959-2829961-2849194--48817-2849251
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

14 werden־diese 48■Dinge mit begeisterten Worten gerühmt, wie z. T. oben S. 5 angeführt ist! Es ist aber auch ganz verfehlt, anzuiiehmen, daß die aufgezählten 48 Vorzüge jedem Pharisäer zuerkannt werden. Vielmehr wird hier ebenfalls von einem Ideal gesprochen, wie auch B. a. a. O. erklärt, daß es sich um ״eine feste Umschrift des pharisäischen L e b ensideals“ handelt, ,,das sich hier - von seiner vorteilhaftesten Seite zeigt“. Wer die aufgezählten 48 Eigenschaften besitzt, kann die Thora ״erwerben“1. Sonst kann man wohl ein Thoragelehrter sein, aber nicht die Thora sein eigen nennen. So berichtet schon Josephus (Ant., letztes Kap.): ״Nur diejenigen bei uns“ genießen, ״den Ruf von Weisen, die eine gründliche Kenntnis des Gesetzes verraten und die Bedeutung der heiligen Bücher nach Wort und Inhalt zu erklären vermögen. Obwohl sich nun gar viele den größten Fleiß in diesem Fache nicht haben verdrießen lassen, haben doch kaum zwei oder drei eine besondere Vollkommenheit darin erreicht und alsbald die Frucht ihrer Mühen eingeheimst“: Es kann demnach keine Rede davon sein, daß ״die Vorzüge des Pharisäers äuf 48 berechnet“ wurden. Es wird vielmehr gelehrt, durch welche 48 Eigenschaften man die Thora erwerben kann! ■ . Eine andere Eigentümlichkeit M.s ist es, die jüdischen, Quellen zu yerdächtigen. Alles, was im rabbinischen Schrifttum berichtet wird, sei wertlos und weise kaum ״einen historischen Kern“ auf; dagegen unterlägen die Nachrichten im Neuen Testament keinem Zweifel. Wie leichtfertig M. mit jüdischen Quellen umgeht und zu welchem abenteuerlichen Ergebnis er dadurch gelangte; möge folgendes Beispiel lehren. S. 31 f. wird von ihm entschieden geleugnet, daß es nach der Mischna einen Gamliel im ersten Jahrhundert (נמדי&ל תוקן) gab. Im alten Streit, oh in Abot 116 unter. ״Gamliel“ der erste oder der zweite (Gamliel de־Jabne) gemeint sei, entscheidet er sich für letzteren, und glaubt nun berechtigt zu sein, die Existenz eines Gamliel I., eines Großvaters des Gamliel de Jahne, überhaupt zu leugnen. Ueberall, wo in der Mischna von Gamliel Hazaken die R,ede ist, scheine nach ihm ״keine Frage mehr zu sein“, daß darunter ״der R. Gamliel am Anfang des zweiten Jahrhunderts n. Chr. gemeint ist, der zur Unterscheidung von dem Gamliel ben Rabbi ״der Aeltere“ (הזקן) heißt“. Hätte er nun die Stellen in der Mischna, auf die er selbst verweist, angesehen, würde er die Unmöglichkeit dieser Vorstellung erkannt haben. So heißt es beispielsweise Jebamot XVI 7, daß R. Akiba dem, Gamliel eine Halaka, die er in Nhardea im Namen des R. Gamliel Hazaken gehört hatte, vortrug. Nach M. hätte R. Akiba Gamliel, dem Sohne Rabbis, eine Halaka von G. de Jabne erzählt! Aehnliche Ungereimtheiten ergeben sich nach dieser ״Theorie“ bei den anderen Stellen in der Mischna oder Tosefta. In letzterer wird z. B. Sabb. XIII 2 erzählt, daß R. Chalafta, Vater des R. Jose, dem R. Gamliel eine Begebenheit von seinem Großvater Gamliel Hazaken erzählte. Also sprach R. Chalafta mit Gamliel, dem Sohne Rabbis2! So leichtsinnig wird von diesen den Jüdischen Quellen abgeneigten Theologen Geschichte gemacht! Endlich wird beiden Verfassern das Verständnis für die be- 1 Das sechste Kap. in Abot heißt daher auch ״Kinjan hatora“, nach dem Hauptinhalte, der lehrt, auf welche Weise die Thora erworben werden kann. Fälschlich erklärt B. S.159 ־: Eine ״Aufzählung der Vorteile, die der erlangt, der sich ganz dem Studium der Thora ergeben hat“. Dies kann im Ausdruck ״Erwerbung oder Aneignung der Thora“ nicht liegen. 2 Dieser Unsinn war auch den Herausgebern zu viel und Holtzmann bemerkt in einer Anmerkung, ihm scheine ״doch die Tradition richtig, die unter ihm (Garn. d. Aelteren) den Lehrer des Paulus versteht“. Soll dies eine jüdische Tradition sein? Eine solche gibt es nicht. Ob Paulus wirklich ein Schüler Gamliels war, muß ich bezweifeln; vgl. meinen Artikel Gamaliel I im Jüd. Lexikon.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.