Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1929)
- Article
- Aus der neuesten Mischnaliteratur [Rezension]
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 9)
- Language
- German
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Hingegen konnte sich auch Beer nicht von einem anderen Irrtum M.s befreien, der seine Würdigung des Traktates arg beeinträchtigt. Ich meine die falsche Ansicht über den Gedanken an Lohn für gute Taten, der in Abot einigemal zum Ausdruck kommt. Diesen Gedanken bejahen alle Religionen einschließlich des Christentums, vgl. oben S. 6 und 8. Der erste Schriftgelehrte. Antigonos aus Soko lehrte aber bereits: Dienet dem Herrn ohne an den bevorstehenden; Lohn zu denken, vgl. I 3. Später drückte dies R. Jakob mit den. Worten aus: Wertvoller ist e i n e Stunde in Buße und guten Werken in dieser Welt als das ganze Leben der künftigen Welt (IV 17), wozu Beer bemerkt (S. 108): ,,Denn Pflichterfüllung ist schöner als Dank empfangen — ein sittlich sehr hoch zu bewertender Satz." In einem gewissen Grade liegt dieser Gedanke auch dem Ausspruch Ben Azais zugrunde: ששכר מצוה מצ1ה (IV 2).־ Steht dies aber im Widerspruch mit dem Lohngedanken? Keineswegs! Die Pharisäer waren eben ,,feinfühlige Seelenforscher und Seelsorger" und wußten, daß ein gewöhnlicher Sterblicher zu guten Taten nur an geeifert werden kann, wenn ihm dafür ein entsprechender Lohn in Aussicht gestellt wird. Daß dieser Lohn nur als Geschenk Gottes anzusehen ist, wird immer wieder betont. Klassischen Ausdruck findet diese Anschauung in dem Satz: ,לא נתנו המצות אלא לצרוף את הבריות בהם ובי מה איכפת לו להקב״ה מי ששוחט מן הצואר ומי ששוחט מן הצורף ובו- (Gen. rabba 44, Anf. und Parallelen); vgl. auch im Neila-Gebet (unter ואם יצדק מהי יתן לך :(אתה הבדלת, das an das biblische: אם צדקת מה תתן לו (Hiob 35ד) anknüpft. Das höchste Ideal für den Menschen muß aber sein, die Pflicht zu erfüllen ohne Nebenabsicht auf Belohnung, wie es von Antigonos und anderen gelehrt wird. M. dagegen (S. 9) beliebt es, die Sache so hinzustellen, als ob Antigonos der einzige wäre, der dieses Ideal verkündete, und ist so liebenswürdig zu erklären, daß kein Grund vorhanden wäre, ,,keinem Schriftgelehrten die Anschauung zuzutrauen (!), daß rechte Gottesfurcht sich erst in einer Erfüllung des göttlichen Willens zeige1, die nicht auf Belohnung hinschiele". Ferner meint er: ,,Verwunderlich ist es allerdings nicht, daß sich das gesetzliche Judentum für diese schöne und tiefe Auffassung nicht erwärmen konnte", wofür er uns wiederum den Beweis schuldig bleibt. Wir haben aber gesehen, daß auch andere Schriftgelehrten die Ansicht des Antigonos teilen. Dasselbe lehrt der Talmud Aboda Zara 19a: אמר י״א (Ps 112!) במצותו חפץ מאי בטצותיו ולא כשכר מצותיו (d. h., um mit M. zu sprechen, ״nicht auf Belohnung hinschielen") und er führt als Beleg den Ausspruch des Antigonos an. Ebenso heißt es in Sifre Deut. §41: Wenn du lernst, sollst du es nicht des Lohnes wegen tun, sondern ,,alles, was ihr tut, sollt ihr aus Liebe zu Gott tun". Das gesetzliche Judentum entscheidet auch nach dem Ausspruch des Antigonos, vgl. Maimuni, Hilchot Teschuba X und auch Kommentar zu Mischna Sanhedrin X 1, 1 M. verknüpft dieses Problem mit der Frage, ob der Schlußsatz des Antigonos: ויהי מורא שמים עליכם mit dem Vorausgehenden eine Aussage bilde. Das hier behandelte Problem ist aber vc>n dieser Frage ganz und gar unabhängig.