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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1929-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1929) · p. Seite 11

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
73 (1929)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1929)
Article
Aus der neuesten Mischnaliteratur [Rezension]
Date
1929-01-01
Page
Seite 11 (sequence 8)
Language
German
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11 ist, weder mit dieser protzt noch über andere spottet, sondern still in seinem Kämmerchen die göttliche Gnade anruft. Dieses gehört zur reinen Religion; alles andere ist Mißbrauch derselben, ist P 6 1 i t i k. Dein Schlußsatz des R. Schim‘011 das.: Sei kein Gottloser vor dir selbst, fügt M. hinzu: ,,Sei vor dir selbst, vor deinem Gewissen, kein Gottloser, wie Herford gut erklärt: Ob auch andere dich gottlos nennen, was tut’s, solange dein eigenes Gewissen dir nichts vorzuwerfen hat? Das ist auf dem Boden des Judentums keine verächtliche Sentenz. Denn sie kennt die Unzulänglichkeit der Allmacht des gesetzlichen Maßstabs und die Hoheit der innerlichen Norm des Gewissens.“ Die Betonung ,,auf dem Boden des Judentums“ ist mir verdächtig; jedenfalls ist diese Erklärung falsch und nicht auf dem Boden des Judentums entstanden. Denn nach dem Judentum gilt der Spruch: הסר ממך מקשות פה ולזות שפתים הרחק ממך (Spr 424) in dem Sinne, daß man nichts tue, wodurch man in den Augen anderer in Mißkredit geraten und ihrer üblen Nachrede sich aussetzen könnte, vgl. Talm. Jebam. 24b. Viele Dinge sind deshalb nicht erlaubt: משום חשדא, wegen Verdachtes, damit andere nicht glauben, daß man eine unsittliche Handlung begehe oder ein Verbot übertrete, vgl. z. B. Berakot 3a, 43b und Chullin 44b, wo es auch heißt: הדחק מן הכיעור ומן הדרמה לכיעור. Hier kann also nur gemeint sein: handle so, daß auch dein Gewissen beruhigt ist, trachte nicht nur, daß andere dich für keinen רשע halten, sondern auch, daß du selbst, der du. am besten die Motive deiner Handlung kennst, dir nichts vorzuwerfen hast. Diese Lehre von der ״Norm des Gewissens“ ist auf dem Boden jeder Religion eine hochsittliche Sentenz. Eine Eigentümlichkeit M.s ist es, dort, wo er einen Spruch von hoher Gesinnung findet, ihn als Ansicht eines einzelnen hinzustellen, die von andern nicht geteilt wird. Zum Ausspruch des R. Chanina ben Dosa (III 9): ,,Wessen Scheu vor der Sünde höher steht als seine Weisheit, dessen Weisheit ist dauerhaft; wessen Weisheit aber höher steht , als seine Scheu vor der Sünde, dessen Weisheit ist nicht dauerhaft“, erklärt M. (S. 73): ,,Chanina unterscheidet sich sehr vorteilhaft von dem III 8 genannten Dosethaj, wie überhaupt von der ganzen intellektualistischen Richtung der Schriftgelehrten. Man versteht, wie er als Heiliger (?) galt, und freut sich, daß er zur Beurteilung der wahren Weisheit den rechten Maßstab kennt und daher die Gottesfurcht und Moral vor das Wissen stellt. Der schriftgelehrten Devise ,,Wissen und Leben“ setzt er mit Recht die umgekehrte ,,Leben und Wissen“ entgegen.“ M. stempelt R. Chanina zum Heiligen, damit er ihn gegen die anderen Schriftgelehrten mit ihrer angeblichen Devise ,,Wissen und Leben“ atisspielen kann. Warum verweist er aber gar nicht darauf, wo diese Devise zu finden wäre? Sind die anderen Schriftgelehrten gegen Psalm 11110: Der Anfang der Weisheit ist Gottesfurcht? Ja, warum verschweigt M. hier, daß genau wde R, Chanina R. Schim'on in 117 lehrt: Nicht das Forschen (die Lehre) ist die Hauptsache, sondern die Tat? Ebenso lehren andere Pharisäer, wie von M. selbst zu I 17 (S. 35) angegeben ist. Hier kennt also M. die Stellen nicht, auf die er selbst anderwärts verwaist! Daß das Endziel des Lernens und Forschens die religiöse Lebensführung ist, wurde auch auf dem Söller in Lydda proklamiert, vgl. Kidd. 40b: לימוד גדול שהלימוד מביא לידי מעשה (s. Toss. z. st.). Erfreulicherweise folgt Beer in seiner Einleitung hierin M. nicht, sondern hebt hervor (S. XXIV): ,,Zur. Freude jedes tüchtigen Mensehen bekennen sich auch die Urheber unserer Sprüche zu dem Satz, daß die wrackere Tat mehr gilt als die tiefste Weisheit I 17, III 17b.“

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