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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1929-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1929) · p. Seite 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
73 (1929)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1929)
Article
Aus der neuesten Mischnaliteratur [Rezension]
Date
1929-01-01
Page
Seite 10 (sequence 7)
Language
German
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10 erklärte hingegen dem R. Jehuda, daß er sich in anderer Hinsicht geirrt habe; denn der falsche Zeuge wird nur dann bestraft, wenn beide Zeugen durch ein Alibi überführt werden. Im Falle des R. Jeh. ist aber nur der eine Zeuge überführt worden. R. Jeh: sah den Irrtum ein und nahm sich vor, nie mehr in Abwesenheit des R. Schimcon b. Sch. eine Entscheidung zu fällen. Sein Lebenlang besuchte er immer wieder das Grab des getöteten Zeugen, um ihn um Verzeihung zu bitten. Ist hier in der Handlungsweise des R. Jehuda auch nur ein Schatten von Parteilichkeit zu erblicken? Irren ist menschlich, und es wäre um das Vertrauen zur menschlichen Justiz anders bestellt, wenn jeder Richter einen begangenen Justiz־־ Irrtum sich so zu Herzen nehmen sollte, wie es R. Jehuda tat. II 13 lehrt R. Schim'on: Wenn du betest, so mache dein Gebet nicht zu einer festgelegten Formsache, sondern zu einem Flehen (תחנונים) vor Gott, denn es heißt (Joel 213): Denn gnädig (חנון) und barmherzig ist er usw. Da M. (S. 58) den Beweis aus dem Bibelvers nicht verstanden hat, so wird er von ihm zu einem ,,späteren Zusatz“ degradiert, der besagen wollte: ,,Weil Gott חנון ist, soll das Gebet תחנונים sein.“ Nun hat er Gelegenheit zu spotten: ״Man ist geneigt zu sagen: Nicht viel mehr Witz als Beweis! aber echt rabbinisch!“ Ja, die jüdischen Erklärer haben ihn im Stiche gelassen, er steht daher ratlos da und . . spottet! Er hat sich gar nicht die Frage vorgelegt: um zu beweisen, daß Gott חנון ist, hätte die Mischna nötig, einen Schfiftvers aus Joel anzuführen? Kommt dies nicht mehreremals in der Thora vor, vgl. z. B. Ex 346: אל רחום וחנון, oder schon 2226: כי חנון אני? Aber ein Beweis der Rabbinen stützt sich bekanntlich auf den ganzen Zusammenhang der angeführten Stelle und es muß immer das Vor- und Nachhergesagte für den Beweis ins Auge gefaßt werden. So auch hier. Denn der ganze Vers lautet: וקרעו לבבכם ואל בגדיכם ושובו אל י״י אלהיבם כי חנון ורחום הוא ארך אפים ורב חסד ונחם על הרעה־. Also mit zerrissenem Herzen soll man vor Gott hintreten und, sich auf seine Barmherzigkeit stützen; als חנון wird er תחנונים.annehmen, durch äußerliehe Förmlichkeiten kann aber seine Gnade nicht erlangt werden. Der Lehrsatz des R. Simon ist demnach ganz deutlich im angeführten Vers ausgedrückt, und dieser Beweis ist ,,echt rabbinisch“. > M. glaubt ferner, daß diese Mfechna der geeignete Ort sei für folgenden Seelenfang : ,,Aber wer weiß, ob nicht der Glossator nicht nur die äußere Uebereinstimmung der beiden Worte, sondern auch den tieferen Zusammenhang der göttlichen Gnade und der mensehliehen Gnadenbedürftigkeit erfaßt und gefühlt hat;“ Natürlich, wer weiß! Im Mittelalter verfaßten Müßiggänger dickleibige Bücher, tun nachzuweisen, daß die Rabbinen an Jesus geglaubt hätten. Mit Recht spottete schon Isak Abarbanel darüber und meinte, wenn die Rabbinen an Jesus geglaubt hätten, warum ließen sie sich dann nicht taufen (ישועות משיחו, Teil 11, Auf.). Jetzt kann man selbstverstündlich mit diesem Unsinn nicht mehr kommen. Man glaubt aber •doch, christliche Dogmen den Tannaiten irgendwie unterschieben zu können, und sagt mit einem.Augenaufschlag; ״wer weiß . Ich aber weiß, daß der, welcher wirklich von der Gnadenbedürftigkeit erfaßt

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