Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 93 (sequence 3)
- Language
- German
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93 Ganz anders stellt es um die beiden Erzählungen, die uns aus Frankreich kommen und in der Problemstellung wie in der künstlerischen Durchführung höchster Aufmerksamkeit wert sind. Blocks Roman ״Simler & Co.“ ist von Romain Rolland in einem liebevollen Vorwort Balzacs ״Comedie humaine“ an die Seite gestellt worden. Dem deutschen Leser drängt sich noch eine andere Parallele auf, und es ist ein Beweis für den Gehalt des Blochschen Romans, daß er den Vergleich mit Thomas Manns ,,Buddenbrooks“ nicht zu scheuen braucht. Auch bei Bloch handelt es sich um den Verfall einer Kaufmanns familie, aber im Gegensatz zu Mann läßt er uns zunächst den Aufstieg der Simler mite rieben, die nach 181ל infolge ihrer Option für Frankreich aus dem Elsaß nach einer kleinen westfranzösischen Stadt auswandern. Doppeltes Mißtrauen empfängt sie dort: sie sind die ,,Prussiens“, und sie sind die Juden, die anderen, die Fremdartigen, der ,,Glan“, der eng zusammenhält und für den nur zwei Dinge zu existieren scheinen: Geschäft und Familie. In zähem Ringen setzen sich die Simler durch, bis sie schließlich die Herren von Vendeuvre werden. Aber ihr Aufstieg trägt den Kein! des Verfalls in sich: die dritte Generation bereits kennt nur noch den Genuß und die Richtung auf das Materielle. Die Simler wären dadurch dem Untergang verfallen, wenn nicht in dem jüngsten Knaben der Familie die Gegenwirkung sich bemerkbar machte: die Wendung zum Geistigen, das Anderssein und der Drang, frei zu werden von der Einengung der Tradition und der Familie. In dieser Loslösung vom Gewordenen sieht der Dichter die einzige Rettung vor dem drohenden Verfall. Aus dem Gesagten geht schon hervor, daß es sich für Bloch um ein Doppelproblem handelt: um die Beziehung des Juden zu der Gemeinschaft, in die er hineingeboren ist, zur Familie, und um das Verhältnis dieser jüdischen Familie zu ihrer christlichen Umwelt. Die Familie siegt hier über das Individuum, sie stellt ein unumstößliches Gesetz auf, dem der einzelne sein persönliches Glück zum Opfer zu bringen hat. Familie und Firma bilden für die Simler eine untrennbare Einheit, und die Bindung an diese Einheit ist so stark, daß das Liebeserlebnis des einen Simler an ihr zerbricht, daß er den ihm gezogenen Kreis der Einfügung in die Familie nicht zu durchbrechen vermag. In ihrer Beziehung zur Umwelt aber bleiben die Simler, was sie waren: die Juden, die —mit Ausnahme des einen — in keine innere Berührung zu ihrer christlichen Umgebung treten. Die ältere Generation schließt sich überhaupt von ihr ab, und die Angleichung, die die jüngere vollzieht, ist eine rein äußerliche. Die künstlerische Darstellung hält sich auf gleicher Höhe wie der stofflich-gedankliche Vorwurf. In kraftvoller Eindringlichkeit stehen die Gestalten dieses Romans vor uns, lebendige Menschen, jeder einzelne in Haltung, Aussehen, Sprache von höchster Einprägsamkeit und jeder einzelne wieder in seinem Innenleben aufs feinste ergriffen und analysiei't, in einer Vollendung, die uns abermals an Thomas Manns Kunst gemahnt. Neben Blochs Roman, der wie ein mit kräftigem Pinselstrich und satten Farben ausgeführtes Gemälde anmutet, erscheint Flegs Erzählung wie ein Pastellbild von zartester Tönung; und während bei Bloch das jüdische Problem wesentlich als ein soziologisches angesehen wird, wird es bei Fleg als ein rein religiöses betrachtet. Das Tagebuch des fünfzehnjährigen Claude legt Zeugnis ab über seine religiöse Entwicklung. Schmerzliche Erfahrungen der frühesten Kindheit und die Freundschaft zu der fromm-katholischen jungen Marietta führen den sehr sensitiv und innerlich gerichteten Knaben, der in einem vollkommen assimilierten Elternhause aufwächst, zuerst innerlich zum Christentum, dessen Dogmatik ihm jedoch unannehmbar erscheint. Nun beginnt er unendlich