Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 92 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2829132-2829951-2829953-2849041--48056-2849159- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
92 Wie die Gestalt des Mose den bildenden Künstler wie den Dichter immer wieder reizen wird, so hat auch die Gestalt des Sabbatai Zewi bereits vielfach dichterische Darstellungen gefunden. Und in der Tat liegt in der Persönlichkeit dieses falschen Messias und in der von ihm hervorgerufenen Bewegung ein der Gestaltung werter Stoff. Poljakoffs Buch können wir als eine ,,Rettung des Sabbatai Zewi“ im Sinne Lessings bezeichnen. Mit Recht legt er das Hauptgewicht auf das psychologische Moment: auf die Entwicklung des messianischen Bewußtseins in Sabbatai, das sich nicht als eine sichere, freudige Erkenntnis der Sendung kundgibt, sondern von vornherein dem Zweifel unterliegt und der Zeichen bedarf. Sabbatai erscheint mehr von der durch ihn entfesselten Bewegung getragen denn als ihr Träger. Sein Uebertritt zum Islam erfolgt — der geschichtlichen Ueberlieferung entgegen — nicht aus äußeren Gründen, sondern wird von ihm als eine ihm auferlegte Versuchung betrachtet, 31s die Probe auf sein Messiastum: er ist der Messias, wenn das Volk auch dem Sabbatai folgt, der sich zu Mohammed bekennt. Indem er daran scheitert, entwirrt sich ihm plötzlich sein Werden; er erkennt, daß er sich unberechtigt erhöht, daß die Stimme des Volkes entschieden hat, und er beugt sich in Demut dieser Entscheidung. Mit dieser Auffassung liat Poljakoff alle unsympathischen Züge*, die der historische Sabbatai Zewi aufweist, getilgt und ihn zu einer tragischen Gestalt umgeschaffen. So entsteht ein Sabbatai Zewi, dessen Entwicklung sich mit einer inneren Wahrscheinlichkeit vollzieht, der aber nicht mehr der historische Sabbatai Zewi ist. Zu diesen! Einwand gesellt sich ein zweiter: während die durch Sabbatai bewirkte große, messianische Bewegung im Judentum mit Kraft und Wärme zur Darstellung gebracht wird, nimmt die Gestalt und das Schicksal der Sarah, der ,,Messiasbraut“, einen allzu breiten Raum ein, und Episoden in der Art eines Durchschnittsromanes stören die reine Linie, die Poljakoffs Darstellung trotz der von uns gemachten Einwände nicht abzusprechen ist. Während die beiden genannten Bücher sich von der Tradition fr ei zumachen streben, hält Molo viel strenger an ihr fest. Selten sprengen selbständig aus dem gegebenen Stoff gestaltete Szenen das Gefüge der Ueberlieferung. Die Eigenschöpfung des Dichters liegt in der Komposition des Ganzen, die Vorgänge vereinigt, die in den Evangelien getrennt erscheinen, dagegen andere dort vereinigte voneinander trennt; und sie liegt ferner in der sprachlichen Durchbildung, die sich in einzelnen Szenen zu der Knappheit dramatischer Wucht verdichtet. Die Bindung an die Ueberlieferung der evangelischen Berichte bedeutet aber vom Standpunkt der historischen Wahrheit aus keine objektive Gerechtigkeit: alles Licht fällt auf Jesus, aller Schatten auf die Pharisäer. Auch will uns scheinen, daß der Gegensatz, in dem der allzu irdisch-materiell gezeichnete Petrus zu dem rein innerweltlich gerichteten Johannes steht, überspitzt, um nicht zu sagen, übertrieben ist. Indem wir die beiden Szenen ,,Davids Königswahl“ als für gelegentliche Schüleraufführungen geeignet bezeichnen, wenden wir uns von den historischen Darstellungen der Auffassung jüdischer Probleme im Zeitroman zu. Hichler schildert in dem ,,Sohn des Moses Mautner‘6 einen jungen Wiener Juden der neunziger Jahre, in dem später Wissensdrang durchbricht und ihn vom praktischen schließlich zum geistigen Beruf führt. Das Alltagsleben einer kleinbürgerlichen jüdischen Familie mit seinen Licht- und Schattenseiten ist scharf beobachtet und mit Wärme dargestellt. Große Probleme tauchen nicht auf, und die Grenzen einer anspruchslosen Erzählungskunst werden nicht überschritten.