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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1928-01-01 · Heft 1 · p. Seite 87

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
72 (1928)
Issue
Heft 1
Article
Die neuhebräische Aufklärungsliteratur in Galizien
Date
1928-01-01
Page
Seite 87 (sequence 17)
Language
German
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87 so muß ein vollkommen sündenfreier Mensch über sie hinblasen, damit die Schrift ausgelöscht werde. Aber o weh! solch ein Mann ist in sämtlichen galizischen K’hilot nicht zu finden. Rabbi Obadia versucht es mit Rebbes und Chassidim. Aber schon seine ersten Proben erschüttern seinen bisher festen Glauben, Da begibt er sich zu|Männern aus dem Handelsstande und zu Handwerkern. Nun erfährt er erbauliche Sachen! Die Bankiers nehmen hohe Zinsen, berechnen die Raten falsch und bringen durch anrüchige Börsenmanipulationen hunderte von Familien an den Bettelstab. Die Kaufleute geben falsches Maß und Gewicht, zeigen gute Ware und geben dann schlechte, die Produktenhändler fälschen die Lebensmittel. Die Weinschänker sind wahre Mörder, die Handwerker behandeln ihre Lehr jungen schlecht, unterweisen sie nicht im Handwerke, sondern benützen sie zu Dienstleistungen, die mit dem Handwerke nichts zu tun haben. Doch einmal lernt Rabbi Obadia in den süd-russischen Kolonien einen jüdischen Bauern kennen, und das Experiment gelingt. Jetzt wendet er sich vom Chassidismus ab und widmet sich ganz der Verbesserung der moralischen und materiellen Lage des jüdischen Volkes in Galizien. Trotz der Aehnlichkeit mit dem Rahmen des M'galle Tmirin — auch hier wechseln fromme Juden Briefe miteinander — befindet sich Perl im Bochen Zadik auf einer höheren Warte. Er zeigt die Gebrechen der jüdischen Gesellschaft in Galizien und weist zugleich auf das Heilmittel: die Rückkehr zur Natur. Dabei führt uns Perl die verschiedensten Menschen vor. Als Szene wählt er Brody — er nennt es Abdery —, weil hier wegen des regen Verkehrs mit dem Auslande eine bedeutende Differenzierung der Einwohnerschaft möglich war. Vor allem erwähnt er eine Unmasse von Rabbinern, die aber gar nicht,[ funktioniere,^ sondern, nachdem sie auf irgend eine Weise den Titel erhalten haben, gemächlich in. Brody als Kaufleute, Klausmagidim und ,,Schiersuger“ sitzen. Eine zweite Gruppe bilden die Leute, die der Pöbel in scheuer Ehrfurcht Apikorsim (Epikuräer) nennt, um so die Adepten der unheiligen Wissenschaften zu kennzeichnen. Im Grunde genommen seien es hohle Gesellen, deren ganzes Wissen sich in der Kenntnis von Katalogen, Romanen, Theaterstücken und billigen Enzyklopädien erschöpfe. Die Sozialreformer von Brody-Abdery wettern gegen das ausschließliche Thorastudium, gegen cfie Scheu vor dem Handwerke, dem Ackerbau, wollen sich aber nur mißliebige Konkurrenz vom Halse schaffen. Die ,,Kenner“ sprechen über Medizin, Politik, Rechtswissenschaft, verstehen aber nichts von allem. Manche reichen, gelehrten Männer besitzen zwar alle Voraussetzungen, kraft deren sie ihren Mitbürgern in jeder Hinsicht Vorbild sein könnten, sie sind aber vor lauter Diplomatie charakterlos.1! Sie setzen je nach den Umständen eine besondere Maske auf. Diesen Gebrechen gegenüber erhebt sich der sonst kalte, nüchterne, bloß satirische Perl zu hohem, heiligen Pathos. Wie weit ist doch der Abstand zwischen dem jetzigen Judentum und dem einstigen1! Als ein Schatten deiner Eltern sch weifst du auf dieser Unterwelt herum, ohne Ansehen und 1 Bochern Zadik, S. 82.

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