Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die neuhebräische Aufklärungsliteratur in Galizien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 86 (sequence 16)
- Language
- German
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86 Dienstleistungen bei den Rebben bedeutet für sie ein großes Glück. Eine wahre Chassidimidylle ist der Lagb’omerausflug des Rabbi und seines Hofes in den Wald. Jeder seiner Bewegungen wird bei dieser Gelegenheit höchste Bedeutung zugeschrieben. Der Rebbe nimmt den traditionellen ,,Pfeil und Bogen'‘ in die Hand. Voll Spannung schaut alles in sein Gesicht, während er den Pfeil abschießt. ״Der Pfeil trifft den Teufel durchs Herz. Am Ende des Ausfluges wird gelost, wer den Bogen und wer die Sehne behalten solle. Reiche Muttersöhnchen werden durch verschiedene Mittel für den Rebben gewonnen. Man sucht ihre der Partei gefährlichen Lehrer zu verdrängen, ihnen selbst aber Geschmack am Schnapstrinken und dem Lesen chassidischer Geisteserzengnisse beizubringen. Der mit dem Rebbe konkurrierende Zaddik wird auf jede Weise bekämpft. Die Meinungen der Chassidim bekämpft Perl, wie gesagt, nicht direkt. Er läßt sie in einer Hearah (Anmerkung) entweder ungeschickt entschuldigen oder in drastischer Weise herausstreichen. Auf diese Weise läßt er uns die Chassidim als wahre Häretiker erscheinen. Ihren Schilderungen nach, so deutet er an, übertreffe der Beseht den Propheten Elias. Dieser Vorwurf ist nicht unbegründet. Der Chassidismus bildete Legenden und schuf unter dem Einfluß der Umgebung eine ganze Reihe plastischer, bodenständiger Heiligengestalten. Den Misnagdim, die durch die Beachtung der von den Chassidim verworfenen Pflicht des fortwährenden Thora- Studiums den Zusammenhang mit der jüdischen Vergangenheit und mit den alten Lehrern besser bewahrten, mußte solcher Heiligenkultus wirklich, als Ketzerei erscheinen. Die Chassidim stellten, so lautet ein Vorwurf, den Perl einen bösen Misnagid äußern läßt, den Beseht, ja jeden Rebben, höher als Gott. Ene ha-schern el Zadikim sollte bedeuten: Die Chassidim vermögen Gott Augen für die Aufsicht über Israel zu schaffen. Etwas boshaft ist diese Deutung zweifeilos. Der naive Chassid denkt sich Gott als großen Herrn, dessen Günstling bei ihm alles vermag. Daraus folgt aber noch nicht, daß der Günstling höher als der Herr steht. Die Verehrung der heiligen Beschtquelle in der Nähe von MIedzyrzecze vergleicht derselbe Misnagid mit dem heidnischen Quellenkultus. Den Gipfel der Bosheit aber bedeutet es, so klagt eine andere Randglosse ironisch, wenn die Misnagdim sich darüber lustig machen, daß den einzelnen Kleidungsstücken des Rebben heilsame moralische Wirkungen zugeschrieben werden. Solcher Niedertracht gegenüber sei blos auf die Opuscula der Zadikim hinzuweisen, die die unschätzbaren Eigenschaften besagter Kleidungsstücke genau feststellen. Das Hemd sühne Blutvergießen, die Mütze bewahre vor Hochmut, der Gurt vor bösen Gedanken, die Hosen sühnten unzüchtiges Entblößen, die T'fillin seien ein Amulett gegen Frechheit. Der Rahmen von Perls zweitem Werke Bochen Zadik (Prag M. J. Landau 1838) ähnelt dem des M'galle Tmirin: Der uns wohlbekannte Verfasser Rabbi Obadia besucht unsichtbar auf der Wolke reitend allerlei Leute, um in Erfahrung zu bringen, was über seinen M’galle Tmirin gesprochen wird. Dabei ist er in den Besitz einer wunderbaren Schreibtafel gelangt, die in der Tasche alles selbst aufschreibt, was in ihrer Nähe gesagt wird. Ist sie vollgeschrieben,