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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1928-01-01 · Heft 1 · p. Seite 85

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
72 (1928)
Issue
Heft 1
Article
Die neuhebräische Aufklärungsliteratur in Galizien
Date
1928-01-01
Page
Seite 85 (sequence 15)
Language
German
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85 um des gottlosen Buches habhaft werden zu können. Auftauchende Skrupel werden durch wörtliche Zitate aus den Hauptwerken der Chassidim beschwichtigt, und die Schleichwege, die man einschlägt, als gottgefällig dargestellt. Als aber das alles nicht zum Ziele fährt, wird ein Emissär nach Lemberg gesendet, der dort entweder alle Exemplare des Buches aufkaufen — so würde man die ganze Auflage vernichten und den Verfasser durch den Blick bestrafen können — oder wenigstens ein Exemplar erwerben sollte. In Lemberg erfährt der Emissär, daß mit dem Verbrennen der ganzen Auflage dem Verfasser eigentlich ein großer Dienst geleistet werde. Er kauft also bloß ein Exemplar, bekommt aber irrtümlicherweise statt des Bildes des Verfassers den berühmten Kupferstich: ,,Bewillkommnung eines Gastes durch den Sekretär des Rebben,“ den Perl zu jener Zeit in Berlin hatte verfertigen lassen. Nun tritt die sehr pikante Wendung ein, daß der Rebbe statt dem Verfasser, dem eigenen Sekretär den tötenden Blick zuwirft. Dieser stirbt plötzlich, nachdem er eine ganze Flasche Branntwein geleert hat. Dies das Skelett der Handlung, in die die mannigfachsten Episoden, Charakterbilder von Zadikim, Chassidim und Misnagdim verflochten sind. Den größten Raum nimmt in der Schilderung natürlich der Rebbe ein. Der Rebbe, der wahre jüdische Dynast, der die Allüren eines Kirchenfürsten besitzt. Er läßt die Briefe an seine Anhänger durch einen Sekretär schreiben und redet den Adressaten mit ,,mein Sohn“ an. Er hat vor allem seine Hausmacht im Auge. Unversöhnlichen Misnagdim gegenüber ist er der wahre Napoleon. Er dekretiert an der Tafelrunde inmitten seiner aufhorchenden Höflingsschar! Ploni almoni wird in kurzem mit Gottes Hilfe eine Mapule-Niederlage haben. Und so geschieht es. Sein Haus wird abgebrannt, sein Wein erweist sich als vergiftet und er muß bedeutendes Schweigegeld zahlen, Pferd und Wagen, die er dem Rebben zum Lagb'omerausfluge nicht leihen wollte, werden ihm gestohlen. Auch die Edelleute sucht der Rabbi für sich zu gewinnen, dadurch, daß er ihnen auf dem Wege schiedsgerichtlicher Entscheidungen verschiedene Vorteile verschafft. Das Pidjönotgeld legt er auf Zinsen oder verleiht es (״Wochengelder“). Auch sein Thronfolger hat die Allüren eines Junkers, führt ein lustiges Leben und verkehrt mit fremden Weibern. Interessant ist sein Vorgehen beim Entgegennehmen der Pidjonot, der Sühn- und Ablaßgelder, die dem Rebben von seinen Getreuen zur Unterstützung ihrer mündlichen und schriftlichen Bitten (Kwitlech) überreicht werden. Er zieht Bargeld vor, weil es in der Bibel heiße: U-sahab ha-arez tob (Gen 212)• Er führt ein großes Haus, in dem immer für zahlreiche Anhänger der Tisch gedeckt ist. Für die Küche und die Beheizung braucht er jährlich 1000 Wagen Holz, wöchentlich 100 Oka Zwiebel. Bei Rabbinerwahlen in seinem Sprengel unterstützt er seine ausgesprochenen Anhänger, ohne den Charakter des Kandidaten zu berücksichtigen. Selbst wenn der zu Wählende sich sittliche Entgleisungen hat zuschulden kommen lassen, entdeckt man seine ״große und reine Seele.“ Die Chassidim wiederum sind die wahren Höflinge. Sie verschaffen ihrem Rebben Einkünfte von allen Seiten, begreifen es im Flug, welche Gegner des Rebben gestraft werden sollen. Die Annahme kleiner persönlichen

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