Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die neuhebräische Aufklärungsliteratur in Galizien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 84 (sequence 14)
- Language
- German
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Joseph Perls literarische Wirksamkeit verfolgt denselben Zweck, wie seine praktische: dem Veralteten, Ueberlebten im Judentum, vor allem aber dem ausgearteten Chassidismus will er einen tödlichen Hieb versetzen. Die Werke Perls: ftPgale Temirin (1819) und Bochen- Zadik (1838) dienen beide diesem Ziel1. Der M'gale Temirin, die jüdischen Dunkelmännerbriefe, bringt den Briefwechsel des Sekretärs (Gaba) eines der berühmtesten jüdisch-russischen Wundertäter, Selig Letitschiwer mit seinem Freund und Helfershelfer Seinwil Werchiwker. Die Szene ist das Tarnopoler Land und das angrenzende Podolien zur Zeit, als Tarnopol noch zu Rußland gehörte. Der Verfasser des M’gale Temirin gelangt durch einen wunderbaren Zufall in den Besitz eines Blattes der hinterlassenen kabbalistischen Schriften des Rabbi Adam, die, in einem Steine auf einem hohen Berge eingeschlossen, noch von einem besonderen Wächter gehütet werden. Dieses Blatt verleiht, in der rechten Tasche getragen, dem glücklichen Eigentümer die Kraft der Unsichtbarkeit. Bewahrt man es aber in einem der Enden des Kleides mit den Schaufäden auf, so nimmt eine Wolke den Besitzer auf und trägt ihn mit Blitzesschnelle nach den entlegensten Winkeln des Landes. Rabbi Obadia, — so lautet das Pseudonym des Verfassers — bekommt so Gelegenheit, sich bei den chassidischen Rabbinern und Wundertätern einzuschleichen, ihr Tun und Lassen, sowie auch alle ihre Kniffe und Schliche kennen zu lernen. Er gelangt auf diese Weise auch in den Besitz des Briefwechsels der genannten beiden Freunde, den er nun im Drucke herausgibt. In bezug auf Stil und Form ist das Buch vollständig den hervorragendsten Erzeugnissen der chassidischen Literatur nachgebildet. Der Verfasser tritt nicht persönlich hervor, seine souveräne, über dem Ganzen schwebende Ironie äußert sich bloß in der Art, wie er manche drastische Situationen durch naiv vorgetragene Randglossen — Hearot — zu erklären, zu entschuldigen sucht. Die Entschuldigung gelingt ihm so glänzend, daß an dem Entschuldigten nichts Gutes bleibt. Ungemein interessant gehalten ist der Schluß dieser Korrespondenz, in dem Mittel und Wege besprochen werden, wie man ein deutsches Buch gegen den Chassidismus einem Grundherrn entwenden könnte, der infolge der Lektüre einen unversöhnliehen Haß gegen die Sekte gefaßt und den Zadik aus. dem ihm gehörenden Ort zu verjagen beschlossen hat. Es handelt sich hier offenbar um das Buch von Peter Beer über die jüdischen Sekten, dessen Abschnitte über die Chassidim von Perl verfaßt sind. Dieses Buch, meinen die frommen Intriganten, müsse ganz gewiß das Bildnis des Verfassers an der Spitze tragen — ,,wie es die Deutschen in ihren Werken immer machen/' Nun bedürfe es nur eines durchbohrenden Blickes des Rebben auf dieses Bild, um dem Verfasser ein Ende mit Schrecken zu bereiten. Durch dieses schreckliche Strafgericht an dem Verruchten dürfte dann der eingeschüchterte Edelmann bekehrt werden. Nun werden die gewagtesten Machinationen in Bewegung gesetzt, Diebe, feile Weiber, Schriftfälscher, Hausspione in Sold genommen und die Auslagen aus der Armenkasse bestritten, 1 Vgl. Dr. N. Horowitz, Joseph Perl a. a. O.