Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die neuhebräische Aufklärungsliteratur in Galizien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 82 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2829132-2829951-2829953-2849038--48041-2849149- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
82 Geschichte und Volkscharakter. Er ist seinem Standpunkte und Naturell gemäß kalt und rationalistisch. Uebereifer und Schwärmerei, diese so natürlichen Erscheinungen in Zeiten der Not und des allgemeinen Unglücks sind ihm entweder Dummheit oder gar Betrug. Miesis’ Wesen entspricht das unentwegte Streben nach Beseitigung alles Alten, Ueberlebten, der Wunsch, alle Hindernisse für diefAusgestaltung des jüdischen Lebens,, für die Anpassung an das Leben der Umgebung aus dem Wege zu räumen. IX. Joseph JPerl (1773—1839) 1. Rezension von Bochen Zaclik, Perls apologetischen Aufsätze im ,,Oesterreichischen Archiv“ und in der ,,Gazeta Lwowska“. Allgemeine Zeitung des Judentums, III, 1839, Nr. 91, 92. — Charakteristik Perls. Allgemeine Zeitung des Judentums, III, 1839, Nr. 103. — Perls Nekrolog. Lemberg, Mnemosyne, Nr. 82, vom 12. Okt. 1839. 2. Dr. med. N. Horowitz. Josef Perl, Busch Jahrbuch für Israeliten, Y. Wien 1846, S. 209—232. 3. Ueber Perls Wirksamkeit: Dr. M. Jost: Neuere Geschichte der Israeliten, III. Abteilung: Kulturgeschichte. Breslau, Jacobsohn (1846), S. 77—80. 4. Perls deutsches Manuskript über die Chassidim aus dem Jahre 1816, verwertet nach seinem Tode in Dr. M. Jost: Geschichte des Judentums und seiner Sekten, III, S. 185—195. 5. Berisch Goldenberg: Sefer Ohei Josef. Lemberg, Poremba, 1865 (Geschichte der Perlschen Schule. Einzelheiten aus Perls Leben). 6. A. Breßler: Josef Perl. — Lebensbeschreibung. Warschau 1899 (Jargon). 7. Würdigung von Perls sozialer und literarischer Tätigkeit in ,,Deutschösterreichische Literaturgeschichte“, neuere und neueste Zeit. 9. Lieferung des Schlußbandes. Carl Fromme, Wien (1914), S. 413—414. Das Streben nach religiösen Reformen und nach Umgestaltung des jüdischen Lebens in Polen fand seinen vollendetsten Ausdruck in Joseph Perl. Was Israel Jakobsohn und Gabriel Riesser für die deutschen, war Joseph Perl für die polnischen Juden. Er verband höchste jüdische und allgemeine Bildung mit ungewöhnlicher Energie und Ausdauer. Die anderen galizischen Maskilim hatten jahrzehntelang nur theoretisch begründet, warum die Modernisierung der jüdischen Schule, die Pflege des Handwerkes, die gottesdienstlichen Reformen nötig seien. Perl führte all das mit ungeheuerer Auf- Opferung, trotz sich türmender Schwierigkeiten in Tarnopol, wo er drei Jahrzehnte lang als unumschränkter Herrscher walten durfte, durch. Als der stattlich schöne Mann mit den blauen Augen und dem Zug unbeugsamen Willens um den feingeschnittenen Mund 1813 in seinem vierzigsten Lebensjahre die ,,israelitische Freyschule״ in. Tarnopol mit 16 Schülern in seinem eigenen Hause eröffnete, hatte er bereits lange Lehr- und Wanderjahre hinter sich. Mit 14 Jahren verheiratet, hatte er, der reiche Bürgersohn, die langen idyllischen Kostjahre, als begeisterter Anhänger des Chassidismus verbracht; seine einzige Geistesnahrung hatten Talmud und Kabbala gebildet. Die Ausartung des Chassidismus ernüchterte ihn, und er wurde durch die Lektüre des Rambam, des Baal ha־Akeda, des Chowot ha- Lwawot und durch den Brodyer Maskilimführer Dow Ber Günzburg, der zwei Jahre lang sein Hauslehrer war, für die Haskala gewonnen.