Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die neuhebräische Aufklärungsliteratur in Galizien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 81 (sequence 11)
- Language
- German
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voll unseren Weisen erneuert worden seien, ־um bei verschiedenen Gelegenheiten an die ständige Gnade Gottes zu mahnen. Sehr viele von diesen späteren Minhagim hätten eine allgemein menschliche Bedeutung und könnten mit kleinen Aenderungen von jedem Volke nach dessen jeweiligem politischen und moralischen Zustande gehalten werden, z. B. die jüdischen Gebote der Individual — und Sozialhygiene. Andere Bräuche seien eingeführt worden, um gewisse schon veraltete Bräuche zu ersetzen. Die Minhagim sind eben für Miesis nicht grundsätzlich, sondern mittelbar notwendige Tätigkeiten, die nach Ort und Zeit verändert werden können. Das Gebet z. B. sei nicht Selbstzweck, es gebe uns nur die Gelegenheit: Gott für seine fortwährenden Wohltaten zu danken und uns in die Beobachtung der Grösse, Schönheit und Vollkommenheit der Welt zu versenken. Sein Nutzen bestehe darin, daß es in uns die Ehrfurcht und Liebe zu Gott errege und das Verständnis seines Wesens verrnittle. Damit dieses Ziel erreicht werden könne, müsse das vorgeschriebene Gebet jedem verständlich sein, was bei den Juden, die der hebräischen Sprache nicht mächtig seien, nicht möglich sei. Unter diesen späteren Minhagim gebe es aber auch viele törichte und schädliche Bräuche. Manche hätten die Juden von den Proselyten gelernt die ihre alte Art nicht hätten lassen können, weshalb unsere Weisen mit Recht erklärt hätten: ,,Die Proselyten sind Israel lästig wie ein Auswuchs/' Sehr viele von diesen fremden Minhagim seien gar später weiter ausgebaut worden, weil man der irrigen Meinung gewesen sei, es mit uraltem Vätererbe zu tun zu haben. Unzählige Bräuche hätte unser Volk so von törichten Rabbinern erhalten, die jeden weltlichen Wissens bar, und stets in fanatische Werke vertieft, sich blos dein Tilckun-ha-Nefesch hingegeben und Scheidewand auf Scheidewand, Zaun auf Zaun getürmt hätten. Ja, manche Rabbiner seien angesichts der jüdischen Leiden und Verfolgungen gar dem Irrglauben verfallen, der Jude sei in dieser Welt zum Leiden bestimmt, damit er das himmlische Reich erbe. Einer der im Mittelalter entstandenen Bräuche sei das Hersagen von Slichot und Pijutim, die in Stottersprache abgefaßt, mancherlei Torheiten und manchmal sogar Lästerungen enthielten. Daß der durch das Streben nach Emanzipation geblendete Rationalist Miesis keinen Sinn für die hohe Poesie der Pijutim und Selichot, für die Gefühlskontinuität im nationalen Leben hatte, darf uns nicht wundern. Das niedrige geistige Niveau der galizischen Juden schreibt er ganz richtig, historischen Ursachen zu, vergißt dabei aber, die jüdischen Verhältnisse an den allgemeinen Landes- Verhältnissen zu messen. So erklärt er den Haß der Menge gegen die Aufklärer unter anderem aus ihrem Glauben, die Gottheit empfinde Lust an dem Halten der Gebräuche, Schmerz bei ihrer Mißachtung. Das Volk hasse daher jeden, der das, was ihm teuer sei, schmähe. Wahrlich, die Menge müßte aus lauter Miesis bestehen, um nach solchen Beweggründen zu handeln. Mit einem Worte: Miesis klassifiziert die Minhagim im allgemeinen richtig, versteht auch hie und da ihre Entstehung. Er überschätzt aber einerseits den Einfluß des Einzelnen auf die Entstehung von Minhagim und unterschätzt andererseits die Einwirkung von Monatsschrift, 72. Jahrgang. 6