Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die neuhebräische Aufklärungsliteratur in Galizien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 78 (sequence 8)
- Language
- German
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78 barer Zug in Miesis Charakter. Konnte er mit seiner geliebten Frau: nicht zusammen bleiben, so sollte sie wenigstens keinem blöden,, rohen Chassid in die Hände fallen! Er legte, kurz entschlossen, ihre Hand in die seines besten Freundes, Nathan Rosenstein, der, reich, gebildet, allgemein geachtet und — unverdächtig, alle Bedingungen besaß, eine Frau glücklich zu machen. Nichtsdestoweniger konnte sich Frau Rosenstein noch im späten Greisenalter nicht enthalten, Salomon Löb Rapoport, dem sie den Cherem und dessen Folgen in die Schuhe schob, zu verfluchen1. — Miesis lebte nun mehr bloß seinen Werken, die auf die Zeitgenossen den größten Einfluß ausübten und die Leihberger Reaktionären in fortwährender Aufregung erhielten. Als er 1831 an der Cholera starb, spielten sich auf seinem Leichenbegängnisse die wüstesten Szenen ab. Von verkommenem, von seinen Feinden gedungenem Gesindel wurde er unter Pfeifen und Johlen und unter lärmender Musik zu Grabe getragen2. Jbuda Löb Miesis werden zwei grundlegende Werke der galizischen Haskala zugeschrieben: Tchunat ha-Rabbanim und Kinat ha-Emeth. Obgleich das eine und das andere dieser Werke voll und ganz Miesis Wesen entsprechen, so kann doch nur der Kinat ha-Emeth als sein volles geistiges Eigentum anerkannt werden. Der T'chunat ha-Rabbanim hat einen armen Privatlehrer aus Posen, Dawid Caro (1782—1829), zum Verfasser. Miesis übersetzte das Buch aus dem geschwollenen Melizimstil ins rabbinische Hebräisch, versah es mit einer charakteristischen Modaah und geistreichen Glossen und machte es auf diese Weise zu seinem geistigen Eigentum3. Schon die Modaah ist ein gegen die Säulen der damaligen jüdischen Welt geführter Hieb. Unter Chacham und Maskil verstehe er, so erklärt er, einen wahrheitsliebenden Mann, der sich tüchtiges vielseitiges Wissen an geeignet habe und all sein Tun und Lassen nach den Gesetzen der Vernunft und der Klugheit einrichte, nicht aber einen Mann, der überall und zu jeder Zeit nur seinen eigenen Vorteil wahrnehme, einen, den die hebräische Sprache Isch mirmali rammai, einen ränkevollen Mann und Betrüger nenne. Ein Zaddik sei für ihn jeder redliche, brave, menschenfreundliche Mann, aber nicht ein Dummkopf, der jeden sinnlosen Minhag halte, die grundlegenden Gebote, wie das rechtliche Handeln und Menschenfreundlichkeit, dagegen vernachlässige. Die Glossen berichtigen und erweitern den Text und geben Miesis Gelegenheit, der damaligen jüdischen Gesellschaft manche bittere Wahrheit zu sagen. Bespricht Caro im Texte den im Mittelalter von wahrhaft Großen geführten Gaonstitel, so meint Miesis in der Randbemerkung, die schwülstigen Titel: Große Leuchte, weitbekannter Gaon, Leuchte Israels, wuchtiger Hammer, welche die Rabbiner in ihren Schriften und Briefen einander erteilen, dienten nur dazu, die Menge zu blenden und das Volk zu veranlassen, den Rabbinern unverdiente Ehren zuzuwenden. In anderen Randglossen 1 Hakol-Königsberg, V, Nr. 26 vom 2. 4. 4880, S. 389—90. 2 Wiener Blätter, '1851, S. 188. 3 Ueber D. Caro und J. L. Miesis vgl. Dr. Bernfeld in Haasif V, liter. Teil, S. 69. Der T’chunat ha-Rabanim erschien zuerst gedruckt im Brit-Emetli von D. Caro, Dessau 1820, dann Wien 1823, Lemberg, M. Wolf, 1879.