Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Zur Deuteronomiumfrage
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 47 (sequence 24)
- Language
- German
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47 es: M . . , die ich heute vor Euren Ohren spreche .... der Ewige schloß einen Bund mit uns am Horeb; nicht m i t unsern V ä t e r n schloß der Ewige diesen Bund, sondern mit uns allen, die wir heute leben. Von Angesicht zu Angesicht sprach der Ewige mit euch... Ich stand zwischen dem Ewigen und euch zu jener Zeit“. Hier kann man nicht einen Augenblick zweifeln, daß diese Reden mit allem Nachdruck, dessen menschlicher Ausdruck fähig ist, die Anerkennung des Werkes, als von Mose herrührend, fordern. Wie ist das zu erklären, wenn sie nicht in der Tat aus seiner Feder stammen? Einige vermittelnde Kritiker bemühen sich, die Schwierigkeit dadurch hinwegzuräumen, daß sie behaupten, es handele sich hier nur um einen harmlosen literarischen Kunstgriff. Damit wird aber die klare Unterscheidung verwischt zwischen einem Verfahren, das für literarische Zwecke zu rechtfertigen ist, und einem solchen, das auf betrügerischer Absicht beruht. Wenn ein alter Geschichtsschreiber erklärt, daß er seinen Personen Reden in den Mund legt, die sie nicht gehalten haben können, wenn ein Romanschriftsteller oder ein Dramatiker uns erfundene Personen oder Ereignisse vorführt, wird niemand betrogen, und keinem geschieht ein Unrecht. Wenn aber jemand falsche Darstellungen von bestehenden Tatsachen macht, um — sagen wir — 1000 Mark zu erhalten, so macht er sich eines Verbrechens schuldig und wird von der Gemeinschaft entsprechend behandelt werden. Und wenn dem schon so ist bei einem gewöhnlichen Schwindel, wo es um Geld geht, was sollen wir dann zu dem Versuch eines Betruges sagen, dem es gelingt zu bewirken, daß zahlreichen Leuten die Todesstrafe auferlegt werde, und der das Leben eines Volkes von Grund auf verändert, (ganz zu schweigen von allen übrigen Folgen)? Hier־ liegt nicht der Fall eines harmlosen literarischen Kunstgriffes vor, denn1 ,,es ist so gewiß wie nur etwas sein kann: hätten König Josia und sein Volk in Bezug auf die Entstehung des Buches die Meinung der Kritik geteilt, so würden sie es nicht als göttlich anerkannt haben“. Nur der Anspruch auf Echtheit gab dem Buch seine Gewalt, sonst nichts. Auch kann nicht behauptet werden, daß irgend ein Zeitgenosse die Sache anders angesehen hat. Es ist unnötig, andere Autoritäten anzuführen, denn das Buch selbst spricht in nicht mißzuverstehenden Ausdrücken. ,,Jedoch der Prophet, der sich erdreistet, ein Wort in meinem Namen zu sprechen, das ich ihm nicht geboten habe zu sprechen, . . . dieser Prophet soll sterben“ (Dt 1820). So viel zur Theorie des literarischen Kunstgriffes! So bleibt nur noch übrig die Hypothese des absichtlichen Betruges — ״fraus pia“, wie viele Kritiker es zu nennen belieben. Man weiß nur nicht, welches dieser beiden Worte — das Substantiv oder das Adjektiv — mehr als Blasphemie wirkt, wo es sich um einen Gott des Rechts handelt. Und auch hier haben wir zwei Möglichkeiten: entweder der Prophet erdreistete 1 J. S. Griffiths, The Problem of Deuteronomv. 1911. S. 13. Dieses ausgezeichnete Büchlein kann noch immer mit großem Nutzen gelesen werden.