Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Zur Deuteronomiumfrage
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 44 (sequence 21)
- Language
- German
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44 wo ״sie ungesäuertes Brot aßen inmitten ihrer Brüder“ (II Kön 230). Das hat keinerlei Beziehung zu Dt 186-8, wo von Landleviten die Rede ist. ,,Natürlich deutet keine Silbe in den Leviten-Gesetzen des Deuteronomium auf abgesetzte Priester der Hochstätten. Die Leviten durften übrigens im Heiligtum dienen, während die Priester Josias dazu nicht die Erlaubnis hatten"1. Tatsache ist, daß jeder, der aufgefordert wurde, ein Gesetz, von dem. er glaubte, daß es göttlichen Ursprungs sei, auf die Umstände seiner Zeit anzuwenden, es so getreu er konnte zur Ausführung bringen mußte, und wenn es sich um Dinge handelte, die das Gesetz nicht vorgesehen hatte, mußte er so gut wie möglich im Geiste des Gesetzes entscheiden, so wie er diesen eben verstand2. Wenn das Buch im Hinblick auf die Umstände geschrieben worden wäre, die zurZeit Josias und seiner unmittelbaren Vorgänger herrschend waren, würde es Anweisungen enthalten, die auf den Gegenstand Bezug hätten. Da das aber nicht der Fall ist, ist erwiesen, daß es in jener Zeit nicht geschrieben worden sein kann. Von welchem Gesichtspunkt aus wir also die Sache beleuchten, wir finden immer wieder, daß die Gesetzgebung nur für die mosaische Zeit paßt. Und wenn wir den Gegenstand ernsthaft und ehrlich untersuchen, ohne vor der Wahrheit zurückzuschrecken, die bei unvoreingenommener Prüfung hervorleuchtet, dann werden wir zu dem Schluß gelangen, daß fast alle Schwierigkeiten, auf die die Kritiker bei der Beschäftigung mit dem Deuteronomium stießen, auf drei Ursachen zurückzuführen sind: 1. auf die Tatsache, daß sie die mosaische Urheberschaft des größeren Teiles des Buches ableugnen; 2. daß es ihnen nicht gelang, die unlösbare Einheit fast all dessen zu erkennen, was in dem Buche Mose zugeschrieben wird; 3. daß es ihnen an den notwendigen Kenntnissen und der notwendigen Schulung fehlte. Wenn ihre ersten beiden Voraussetzungen abgelehnt werden, und man das Problem unter den nötigen Vorbedingungen zu erforschen sucht, gelangt man leicht zu befriedigenden Ergebnissen. 5. Unsere Bundesurkunde wird als von Mose herrührend dargestellt, der unter göttlichem Einfluß handelte. Das führt uns zu weiteren Betrachtungen, die größtenteils wohl bekannt sind, aber wiederholt werden müssen, weil sie hartnäckig übersehen oder ignoriert werden. Man kann den Bericht von der Auffindung des Gesetzbuches unter Josia unmöglich lesen (I B. Kön 22 f.), ohne zu erkennen, daß es für unbedingt echt gehalten wurde. ,,Gehet, befraget den Ewigen meinetwegen und wegen des Volkes und wegen ganz Juda über dieses Buch, das gefunden worden ist, denn groß ist des Ewigen Zorn, der 1 J. Orr, The Problem of the Old Testament, 1906, S. 270. 2 Aehnlich wird heute in England dieses Prinzip, (das dort den terminus technicus cy-prös doctrine trägt), auf dem Gebiete der Wohltätigkeit angewandt. Wenn z. B. für Waisenknaben eines bestimmten Ortes ein Kapital ]unterlassen wird, und es gibt nicht genügend Knaben der vorgeschriebenen Art, so wird ein Plan entworfen, um den Ueberschuß cy-pres zu verwerten. Man könnte die Bestimmung je nach den Umständen etwa dahin ausdehnen, auch Waisenmädchen desselben Ortes oder Waisenknaben der benachbarten Distrikte aus dem Kapital Nutzen ziehen zu lassen.