Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Zur Deuteronomiumfrage
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 38 (sequence 15)
- Language
- German
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38 1. Gegenstand der Betrachtung ist hier ein einziges Volk. Sogleich erhebt sich die Frage: welches Volk? In anderen Teilen des Buches wird es Israel genannt, aber das führt nur zu der Frage: welches Israel? Wenn die Bündnisurkunde aus irgendeinem Zeitabschnitt zwischen Mose und Salomo herrührt, gibt es bei der Beantwortung keine Schwierigkeiten; solche erheben sich aber für jede spätere Zeit. Nach Löhr (S. 203) war das Buch der Lehre ,,ein Gesetz, das für den Stamm Juda und seine Anhängsel bestimmt war“. Auf der nächsten Seite schreibt er: ,,Israel als eine nationale, in sich geschlossene Gemeinschaft ist ja erst in den Tagen Davids vorhanden und verschwindet nach dem Tode Salomos“. Und doch hat der Verfasser beständig nur Israel im Auge, ein Israel, das am Horeb gestanden hat und in Stämme, nicht in Königreiche geteilt war. ,,Die beiden Häuser Israels“ — das ist ein Begriff, von dem er niemals gehört hat. Immer wieder gebraucht er Ausdrücke, die darauf hindeuten, daß es nur ein Israel gibt, das aus zahlreichen Stämmen besteht. Die Reichsteilung ist ihm völlig unbekannt. Bei seinen Weissagungen für die Zukunft zieht er niemals auch nur für einen Augenblick die Möglichkeit einer Teilung Israels in Betracht, einer Teilung in zwei getrennte Völker mit verschiedener staatlicher und religiöser Organisation, die im Laufe der Geschichte in gänzlich verschiedene Schicksalswege hineingeraten. Wie kann diese Tatsache mit* einer späten Datierung der Bundesurkunde vereinigt werden? 2. ,,Hoch über allen Völkern“ — ,,zum Lobe, zum Ruhm und zur Ehre!“ Wie stimmen solche Sätze mit dem tatsächlichen Lauf der Geschichte überein? Auf welche Zeit nach der Regierung Salomos könnte man sie mit irgendwelcher Wahrscheinlichkeit anwenden? Ob wir die gegenseitigen Beziehungen der beiden hebräischen Königreiche betrachten, ob die Geschichte der syrischen Kriege, ob die wirrnisreiche Zeit nach dem ersten Eingreifen Assyriens in die Angelegenheiten Palästinas, ob die Wegführungen aus dem Nordreiche, Sanheribs Vorgehen gegen Hiskia, die Regierung Manasses, jenes Vasallen des Großkönigs, die Bedrängung Josias durch Aegypten, ob das chaldäische Zeitalter und die Verbannung oder das Perserreich: und den Wiederaufbau — nirgends werden wir eine Zeit finden, zu? der ein vernünftiger Mensch solche Gedanken hätte aussprechen, sie■ als Appell an das Volk hätte richten können. Es bestand die Hoffnung, daß ein Rest übrig bleiben, oder daß der Geist zu siegen vermögen würde. Aber der Gedanke, daß ein Bruchstück eines kleinen, geteilten Volkes ,,über alle Völker erhöht“ werden würde, in den Tagen der Großmächte von Mesopotamien, war zu lächerlich, um überhaupt vorgebracht zu werden, geschweige denn, um die Grundlage zu bilden für einen großen Wendepunkt in der Geschichte des Volkes und der Religion. So sind wir auch hier gezwungen, ein frühes Datum zu suchen. 3. Aus den beiden erwähnten Gründen läßt sich kein früheres Datum erweisen als die Regierung Salomos, wenn sie auch jeden späteren Zeitpunkt ausschließen. Anders steht es mit dem Gedanken, daß der Ewige und Israel jetzt in ihre gegenseitige Beziehung eintreten. Lange vor der Regierungszeit des mächtigen Königs war das Volk das Erbe des Ewigen gewesen (II Sam 213). Es genügt, an Namen wie: