Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Zur Deuteronomiumfrage
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 26 (sequence 3)
- Language
- German
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26 Gesetzgebung auf die verschiedensten Zweige menschlicher Erfahrung• Darin liegt nichts Erstaunliches oder Abnormes. Noch eine andere Folge ergibt sich aus dem Gesagten. Wir haben gesehen, daß dem Volke die Beachtung eines Systems von Satzungen, Geboten und Vorschriften befohlen war. Es ist nach den oben angestellten Betrachtungen unmöglich zu sagen, daß irgendeine von denen, die jetzt im Deuteronomium stehen, nicht einen Teil des ursprünglichen Gesetzbuches gebildet haben könnte; das bleibt wahr, zu welcher Zeit man das Buch auch ansetzt. Kein heute Lebender kann sagen, daß diese oder jene Maßnahme von dem ursprünglichen Gesetzgeber nicht als förderlich für das Wohlergehen des Volkes angesehen worden sein könnte. Das scheint mir die Antwort zu sein auf den Versuch Löhrs, einen ursprünglichen Kern aus dem Gesetzbuch herauszuschälen. Löhrs Buch ist die mutigste, wertvollste Abhandlung über den Gegenstand, die seit vielen Jahren von einer deutschen Universität zu uns gekommen ist. Aber hier scheint er eine unmögliche Aufgabe unternommen zu haben. Was für Kenntnisse berechtigen uns zu sagen, daß der Deuteronomiker ein Gesetz über irgendeinen der Gegenstände, mit denen das Gesetzbuch sich beschäftigt, nicht verordnet haben würde oder könnte1? Es wurde weiter oben schon gesagt, daß die volle Würdigung einiger Gedanken der pentateuchischen Gesetzgebung nur im Hinblick auf das Vergleichsmaterial möglich sei. Im Jahre 1908 schrieb ich für Murray’s Illustrated Bible Dictionary einen Aufsatz über das Recht im Alten Testament. Einige Teile daraus, die vom Standpunkt der vergleichenden geschichtlichen Rechtswissenschaft geschrieben sind, mögen hier angeführt werden. ״Ziel und Umfang. Die Ziele sind klar festgesetzt: ,.Was verlangt der Ewige, dein Gott, von dir, als den Ewigen, deinen Gott, zu fürchten, in allen seinen Wegen zu wandeln, ihn zu lieben und dem Ewigen, deinem Gott, zu dienen mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele, die Befehle des Ewigen auszuführen und seine Satzungen, die ich dir heute gebiete zu deinem eigenen Besten/‘ (Deut 1012 f.) Was den Gedanken anbetrifft, der in den letzten Worten ausgedrückt wird, so hat das Gesetz — im Gegensatz z. B. zu den indischen Gesetzbüchern — das Wohlergehen jedes Mitgliedes im Volke gleicherweise, ohne Bevorzugung des einzelnen Menschen, der einzelnen Klasse oder Kaste im Auge. Was den Gedanken anbetrifft, der in den ersten Worten enthalten ist, so erstreckt sich sein Bereich (wie auch bei jenen) über das ganze menschliche Leben und ist nicht beschränkt auf Rechts- und Opfergesetz. Der Ewige soll Israels Gott sein: deshalb wird jede Anbetung anderer Götter und zahlreiche Bräuche, die mit solcher Anbetung verknüpft sind, untersagt, und unbedingte Treue wird zur Pflicht gemacht. Die Art, wie man Gott innerlich und äußerlich zu dienen hat* durch Opfer, durch jede Form sozialen Verkehrs, in geheimen Handlungen und mit den innersten 1 Die Anordnung־ des Materials ist in einem Aufsatz besprochen worden, der betitelt ist: ״The arrangement of Deuteronomy 12—26.“ Er erschien in dem ,,Journal of the Palestine Oriental Society*“ VI. 1926, S. 185—195 und■ ergänzt die vorliegende Untersuchung.