Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Aus ostjüdischer Geschichte [Rezension]
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 17)
- Language
- German
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22 Judentum wurden als solche mit dem Bolschewismus ausgelegt. Der beginnende Weltkrieg sieht unter den polnischen Propagandisten Szymon (Simon) Askenazy in Vevey, der aber ein Gegner Dmowskis ist. Letzterer glaubt, auch in London jüdische Gegenwirkungen zu verspüren. Askenazy will in Polen die ,,splendid isolation“. Das trägt ihm folgenden Tadel Dmowskis ein: ,,Historische Dokumente beleben sich in seiner Hand nicht, sondern sie sind wie die Bücher des Talmud in der Hand des Kommentators“. Wh Seyda glaubt gleichfalls, in den Gegenwirkungen gegen Dmowski jüdische Einflüsse zu sehen, so bei Hieronim Kohn in Paris und Bernstein im Auswärtigen Amte in London. Letzterer nahm den Namen Louis Namier an. Auch Paderewski in Amerika, der einigen Einfluß auf den Präsidenten Wilson besaß, war der Meinung, daß die Juden die Hauptgegner der polnischen staatlichen Unabhängigkeitsbestrebungen seien. Dmowski berichtet aus Amerika über seine Unterhandlungen mit den Vertretern der amerikanischen Juden. Sie sagten ihm ,,ohne Umschweife, daß sie Feinde Polens seien, weil Polen ihre Glaubensgenossen verfolge“. Bei einer späteren Unterredung verlangten sie Sitz und Stimme im polnischen Nationalkomitee in Paris. Es zeigte sich jedoch, daß es keinen Juden gab, ,,der gleichzeitig ihr und unser Vertrauen besessen• hätte“. Im ganzen führten die Konferenzen zu keinem Ergebnis. ,,Wir werden auf der Friedenskonferenz die schlimmsten Feinde in den Juden haben“, das ist der Eindruck, der sich in Dmowski immer mehr festigt. ״Vom Deutschtum in Wolhynien“ (III 521 ff.) bringt auch Nachrichten über Juden. Im Schlußwort Seite 630 heißt es: ״Drei Wochen sind wohl eine kurze Frist, ein Land und ein Volk kennenzulernen. Wir wissen es recht gut, daß manches an unserem Berichte falsch gesehen oder oberflächlich erfaßt sein mag.“ Eine Würdigung der dort gebotenen wirtschaftsgeschichtlichen und statistischen Daten würde den Rahmen einer Besprechung weit überschreiten. Eine interessante Statistik erfolgt (IV 81 f.) über den Besuch des Lissaer Gymnasiums von 1837 bis 1904/05. Die Anzahl der jüdischen Schüler erreichte den tiefsten Stand 1841/42 mit 26 unter 211, also etwa Vs, den höchsten 1876/77 mit 92 unter 310, also mehr als 1Ay trotzdem die jüdische Bevölkerung von 3370 Seelen (1837) auf etwa 1850 heruntergegangen war1. 1839 besuchten von den 44 jüdischen Gymnasiasten ״deißig ruhig den christlichen Religionsunterricht“! ״Skizzen aus dem Leben Großpolens im 17. Jahrhunder t“ (IV 188 ff.) weisen darauf hin, daß seit Kasimir IV (1447—92) ״die allgemeinen Reichstage immer mehr in Gebrauch kamen — vorher hatten die einzelnen Landesteile sich mehr untereinander auf Provinziallandtagen beraten“. Dieser Entwicklung parallel gingen die jüdischen Landtage2. Neu sind die Nachrichten, 1 Lewin, Gesell. <h Juden in Lissa, Pinne 1904, S. 24, Grunwald, Milt. z. jüd. Volksk. 1908, S. 155. 2 Lewin, Die Landessynode der großpoln. Judenscliaft S. 20, und Neue Materialien zur Gesch, der Vieri ander synode III, Frankl* a. M. 1916, S. 38 ff,