Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Aus ostjüdischer Geschichte [Rezension]
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 13)
- Language
- German
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18 leidende Gesichter, weißpergamentene Gesichtsfarbe. In der Markthalle Juden in Kaftanen und Käppchen/' ״Nirgends ist die Spannung zwischen sehr reich und sehr arm übrigens so groß wie bei den Juden. Sie haben ihre eigene Tracht, eigene Sprache, Religion, Gebräuche, ihr uraltes Nationalgefühl und Nationalbewußtsein. Die Schultern der Männer sind schlaff, die Rücken krumm, der Gang schleppend. Vorwiegt ein schmächtiger, langnasiger Typus. Haufen von Kindern: mir fällt ihr slawischer Typus auf; die jüdischen Züge treten erst später hervor. Im Gespräch bewegen diese Menschen Arme und Hände nicht viel, was man im Westen sieht, ist Entstellung." Als er am Rüsttage des Versöhnungsfestes die auf dem Friedhofe Betenden sah, schreibt er: ,,Ich bin durchschauert, wie ich dies gesehen und gehört habe. Es ist etwas Unnatürliches, Atavistisches." Am Laubhüttenfeste: ״Wie stolz war das, was ich bei den armen mißachteten Chassidim sah, bei dem Manne, der in seiner Hütte auf dem finsteren Warschauer Hof saß, von den. Speisen sprach, die etwas geistiges waren: ,,Ihr denkt wohl, ihr eßt, und das ist alles?" S. 106 ff.: ,,Zu dem großen Rebbe nach Gura Kalwarja ... Ich bin erschrocken, verblüfft, beschämt ... geistlichen Fürsten des Juden Volkes ... In den Rebbedynastien erbt sich eine geheimnisvolle Auserwähltheit fort." S. 126 ff.: Juden in Wilna. ,,Geht niemand im Kaftan, gehen alle europäisch und sprechen doch nicht polnisch. Die deutsche Straße da, die Judenstraße. Hier verstehe ich die Sprache. Wilna, Zentrum der Rationalen. In einer russischen Enzyklopädie sehe ich das Bild des Gaon [R. Elia Wilna]: fanatisches Gesicht, brennende Augen, fest geformter Mund. Der Bart loht um sein Gesicht1." S. 184: Der alte Lubliner Friedhof. ,,Die letzte Beerdigung war vor 96 Jahren ... Schöne reichornamentierte Steine ragen hier, Tierbilder, Symbole ... Farbige Hirschornamente. Auf einer sehr schönen Platte wird ein Schrank mit Büchern geöffnet2, sehr plastisch in Stein gehauen. In einer Masse von Gräbern ruht der jüdische Eintagskönig von Polen: eine Krone gemeißelt in den Stein, eine nackte Menschenfigur, die einen Pfeil abschießt... Zwei Platten berühren sich, sie sind sehr schön: eine Mutter und ihre Tochter: einen Adler hat die Tochter; bei der Mutter sitzen zwei kleine Vögel." Verf. bietet auch die Sagen des Friedhofes3. ,,Stark ist die Orthodoxie. Bei den Gemeindewahlen errangen sie die absolute Mehrheit. Der Gemeinderat ist aber faktisch aufgeflogen; er kam in einen Konflikt mit der Regierung, weil von seinen Mitgliedern über die Hälfte nur jiddisch sprach. Die Regierung verlangte, wenigstens der Vorsitzende sollte polnisch sprechen. Aber als er es versuchte, gab es Tumult, und das war die letzte Sitzung... Bei den ... Frommen, die ... auf der Lubratowska ihre Hochschule, ihr Bollwerk bauen, bin ich [im Geiste]," S. 198 ff.: Die meisten Juden, die hier [in Lemberg] 1 Anders das sich authentisch nennende Bild bei E. Landau, הגאון נס\רלהא Warschau 1916, und das traditionelle in Jewish Encycl. V 134. 2 Vgl. Wohlgemuth, Jeschurun X 3לל £. 3 Vgl. Graetz, Gesch. X 155 Anm. 1, Eisenstadt-Wiener, דעת קדושים, Petersb.■ 1897/8, Anh. יתרון דעת s. 30, Nissenbaum, לקורות היהודים כלובלין, Lublin 1899, Balaban, Die Judenstadt v. Lublin, Berlin 1919, Soneino^Blätter I 241. .