Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Zum Jubiläum der "Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums"
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 Aber der Zusammenschluß der Menschen war nur Vorbedingung für die sachliche Arbeit, für die Zusammenfassung der geistigen Kräfte, für die systematische Arbeit und die Arbeit an der Systematik. In diesen Fragen ist die Gesellschaft als Exponent einer neuen Zeit auf getreten, hat sie zielbewußt einer neuen Richtung die Wege gewiesen. Die wissenschaftliche Erforschung des Judentums ist ein Kind des neunzehnten Jahrhunderts, seiner vorwiegend auf philologische und historische Arbeit eingestellten Geistesrichtung. Sie. hatte ihre große Zeit, blieb aber nicht auf der Höhe, sie hatte Neuland zu bearbeiten, und, beglückt durch die Entdeckerfreude, häuften die Gelehrten Fund auf Fund, ohne den Ertrag recht zu verarbeiten. Baustein kam zum Baustein, aber nie sah man ein Gebäude, selten ein harmonisch abgetöntes Mosaik. Einzelheit stand neben Einzelheit, selten gab es eine Zusammenfassung. Das Spezialistentum nahm überhand, es verlor sich in Kleinlichkeiten — der Ueberblick über das Ganze fehlte, der Geist, der hinter den Tat- Sachen liegt, ward nicht erkannt. Es wurde viel gearbeitet, aber wenig geleistet — ein gewaltiger Kraftaufwand hatte nur geringe Wirkung. Die Gebildeten, selbst die Theologen, nahmen von dieser wissenschaftlichen Arbeit kaum Notiz, sie vermißten die Stellungnähme zu den elementarsten Problemen des jüdischen Lebens und der jüdischen Weltanschauung. So niederschmetternd war ihr Eindruck, daß, wie Sie im Festartikel unseres Dr. Lucas in der Monatsschrift1 lesen, ein anerkannter Gelehrter ihm die Worte schrieb: ״Es ist Nacht geworden in der Wissenschaft des Judentums, sie hat weder Lehrstühle noch Zentren noch Mäcene". Dieser Pessimismus war keine vereinzelte Erscheinung innerhalb des Judentums, wie es ja überhaupt keine Isolierung im Geistesleben gibt, sondern der Ausdruck einer Krise innerhalb der gesamten deutschen Kultur- und Gelehrtenarbeit — ein Ueherdruß am Stoff, ein brennendes Verlangen nach Geist. Man besann sich um die Wende des Jahrhunderts auf die Wahrheit, die Wilhelm von Humboldt an seinem Anfang geschrieben hatte, daß Wissenschaft nicht durch Sammeln extensiv aneinandergereiht werden kann, sondern gesucht, aus der Tiefe heraus geschaffen werden muß. Das Schöpferische in der Wissenschaft des Judentums wieder anzuregen, den Stoff zusammenzufassen und mit Geist zu durchdringen, das war das neue Programm, mit dem die Gesellschaft auftrat. Sie rief zu neuer Arbeit auf, nach neuen Methoden, nach neuen Gesichtspunkten, nach Wiederherstellung des 1 LXXI, 192ל, S. 321. 1•