Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1927)
- Article
- Die neuhebräische Aufklärungsliteratur in Galizien
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 61 (sequence 8)
- Language
- German
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61 lernt, am meisten aber von seinem Lehrer. Die Haskala hat also nur den Gegenstand des Grübelns geändert, nicht aber das unfruchtbare, unhygienische Grübeln selbst. In seinen nichthebräischen Schriften tritt Levin in die Reihe der europäischen Schriftsteller ein. Insbesondere ist seine französische Broschüre ein Appell an die leitenden Kreise seines Vaterlandes in der Sprache der damaligen Weltbefreier zugunsten seiner Glaubensbrüder in Polen. Ihre kulturelle Verwilderung ist seiner Meinung nach eine Auswirkung des damals sich immer mehr ausbreitenden Mystizismus. Die Geistesrichtung der deutschen Judenheit sei zum Muster der Judenreform in Polen zu machen. Die Zöglinge der sofort zu gründenden jüdischen Normalschulen mit polnischer Unterrichtsspräche sollen als die offiziellen Sekretäre der Rabbiner die Leiter der neuen Kulturbewegung werden. Die Lektüre größerer Bibelauszüge in guter polnischer Uebersetzung soll die Kenntnis der Landessprache bei den Juden vermitteln. Denselben Zweck sollte bekanntlich die Mendelsohnsche Bibelübersetzung bei den deutschen Juden erreichen. Die Lektüre der heiligen Schrift im einfachen 1angedeutelten Wortsinne soll den abgestumpften Schönheitssinn der polnischen Juden entwickeln. Die einzuführende Institution der Landesrabbiner soll die Verbesserung der jüdischen Gerichtsbarkeit, ja sogar des Bettlerunwesens herbeiführen. Im Allgemeinen wünscht Levin nicht nur, wie die Freunde der Judenreform: Maciej Butrymowicz, Hugo Kohataj und Micha! Czacki eine Verwandlung der Juden in gute Staatsbürger, sondern eine innerliche Reform derselben. Levin verdient als erster Haskalaäpostel der slawischen Judenheit den Versuch einer ausführlichen Gesamtcharakteristik. Levin übefnimmt nicht kritiklos die Berliner Haskala, er strebt nach Aufklärung der slawischen Juden in ihrer eigenen Weise: in ihrem Jargon, nicht in der ihnen unverständlichen deutschen Sprache, — in dem rabbinischen Hebräisch der Mischna, nicht in der hochtrabenden Sprache des jüdischen Klopstock, des מליץ Naftali Hirz Wesseli. Er begnügt sich auch nicht damit, nach Talmudistenart das profane Wissen zu popularisieren. Er wollte auch das heilige Wissen, die Thora, dem Verständnis des Volkes in seiner eigenen Sprache näher bringen. Die heilige. Schrift war ja in jenen Zeiten des fast ausschließlichen Talmudstudiums in arge Vernachlässigung geraten. Kein Wunder also, daß man beim ewigen Spintifisieren, immer mehr der einfachen Wortbedeutung entfremdet wurde. Da kam Levin und versuchte es, die Bibel dem Volke in seiner eigenen Sprache zu geben. Mit dem Allen aber war Levins Lebensarbeit noch nicht erschöpft. Popularisation der modernen Wissenssphäre, Popularisation der Bibel — der Kreis hatte noch eine Lücke. Die großen Spanier waren noch nicht Gemeingut des Volkes geworden. Die Steifheit und Ungelenkigkeit des Ibn Tibbonischen Stiles hinderten das Verständnis. Um also den Kreis zu vollenden, verwendete Levin die schmerzreichen Lebensjahre und beendete die in strotzender Jugendkraft (תקמ״ה) begonnene Uebersetzung des ,,Führers der Irrenden“ in.die den Juden des Ostens vertraute Sprache der Mischna. Er wollte ein Erzieher seines Volkes zu allem Nützlichen und Guten