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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1927-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1927) · p. Seite 29

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
71 (1927)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1927)
Article
Neuere Literatur zur jüdischen Sagenkunde [Rezension]
Date
1927-01-01
Page
Seite 29 (sequence 17)
Language
German
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29 Das litauische Judentum im Lichte seiner Volksdichtung. OlSvangers große Sammlung steht vor uns als trauriges Denkmal der Zeitgeschichte, traurig wegen der staatlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedrückung, die sich darin spiegelt, traurig auch wegen der verderblichen Wirkung, welche diese Bedrückung auf das Ostjudentum geübt hat, Beredt äußert sich in der Volksüberlieierung das Gefühl der Bedrückung. Zur Zeit des Krieges wenden sich die drei Kaiser, der deutsche, der österreichische, der russische an den Wunderrabbi um seinen Segen. Der Zaddik erkundigt sich erst nach dem Los ihrer jüdischen Untertanen. Der deutsche Kaiser beruft sich darauf, daß in seinem Reiche die Juden aller Rechte teilhaftig sind, — er wird gesegnet. Der österreichische Kaiser rühmt sich: bei ihm leben die Juden wie Gott in. Odessa. Er wird auch gesegnet. Der russische Kaiser entschuldigt sich, er selbst sei den Juden nicht böse gesinnt, doch sein Reich ist ungeheuer groß, er könne nicht wissen, wie jeder seiner Gouverneure mit den Untertanen umgehe. Da betet der Zaddik: Gott möge das Reich des Zaren verkleinern, damit er seine Gouverneure überwachen und es den Juden besser ergehen lassen könne (N. 80). Gegen das Zarenhaus zeigt sich eine verhaltene Wut. Maria Feodorownas Haß gegen die J uden wird durch ihren Groll auf einen dänisch-jüdischen Minister erklärt (N. 289). Kaiser Nikolaus I. läßt durch einen Zauberer die Bilder seiner Nachfolger heraufbeschwören. Da erscheint ihm der Reihe nach Alexander II., Alexander III., Nikolaus II., ־—־ dann der Messias (N. 310). Wie weit sind wir von dieser Verheißung! Vor den Behörden hat man überhaupt Angst. So wird auch der Segensspruch von der Tora erklärt: wir danken Gott, daß er die Tora uns gegeben, hätte er sie den Russen gegeben, wie schwer ließen sie uns jede Uebertretung büßen (N. 228). Der jüdische Luftmensch läuft zu einem Jahrmarkt, vielleicht findet sich ihm eine Fahrgelegenheit für den Rückweg (N. 93). Der jüdische Bettler ist eine traurig belustigende Gestalt zahlreicher Anekdoten (N. 14L—153). Auch vor den jüdischen Gelehrten macht der Volkswitz keineswegs Halt. Der Abgesandte einer Talmudschule stiehlt einen Schein und als er sieht, daß es ein gefälschter ist, entrüstet er sich: Falsche Welt (N. 242). Ein Zyklus von Anekdoten verspottet die Wundertaten der Wunderrabbis (N. 235—239). Selbst religiöse Einrichtungen entgehen dem Spott nicht. Das Gebet am Sabbath vor dem Neumondstag חיים שיש בהם יראת שמים wird derart erklärt, daß man Wohlfahrt für sich, Gottesfurcht für Andere erfleht (N. 243). Die Fragen nach milchig und fleischig werden ins Lächerliche gezogen (N. 197, 229). Köstliche Predigtparodien werden geboten (N. 219—221). Die meisten Anekdoten zeichnen sich durch scharfe, oft allzuscharfe Beobachtung aus, viele auch durch ruhige Lebensweisheit. So sehen wir z. B., wie Juden auch ohne Grund klagen. Ein Jude liest am Perronkartenautomaten, man müsse ein 10 Kopekenstück

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