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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1927-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1927) · p. Seite 4

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
71 (1927)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1927)
Article
Der Spinozismus in der Philosophie der Gegenwart
Date
1927-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 Welterkenntnis zuzustreben, allerdings aber die Aufgabe der systematischen Vereinigung der Naturerkenntnis und der Erkenntnis des Menschen festzuhalten. Der Neu-Kantianismus ist ein Versuch, Logik und Ethik bei Aufrechterhaltung ihrer methodischen ,Verschiedenheit durch den Gedanken der rationalen Selbständigkeit des Geistes, der sich im Gebiet der Naturerkenntnis und der Ethik gleich schöpferisch erweist, zur Einheit zu bringen. Diese Einheit aber ist eine lediglich formale, die Uebereinstimmung der Methoden der Naturerkenntnis und der sittlichen Erkenntnis im Moment ihrer Rationalität. Der Inhalt der Rationalität aber ist in der Naturerkenntnis für den Neu- Kantianismus die mathematische Ordnung des Geschehens, in der sittlichen Ordnung hingegen die Erkenntnis des Sollens ohne Rücksichtnahme auf die Struktur des Seins. Der Mensch aber als Träger des Sollens gehört selbst dem Reiche des Seins an. Wie kann er beiden Gesetzlichkeiten, den Gesetzlichkeiten der Natur und des sittlichen Bewußtseins unterstehen? So kann eine bloß formale Lösung des Problems des Zusammenhanges von Natur und Sittlichkeit nicht -genügen. Abgesehen von den Schwierigkeiten, die sich aus dem idealistischen Gegenstandsbegriff ergeben. Tiefer dringt die Phänomenologie, die nicht allein die Selbstständigkeit des sittlichen nnd des religiösen Bewußtseins zur Geltung bringt, sondern auch die Anerkennung der Wirklichkeit in ihrer vom Geltungsgedanken unterschiedenen Sphäre des Daseins vollzieht, alsdann die Grenzen der Rationalisierbarheit der Wirklichkeit erfaßt und endlich innerhalb des Rationalen auch in der Naturerkenntnis zwischen Erkenntnis der anorganischen und der organischen Natur scheidet. So entfaltet die Phänomenologie den Reichtum der spezifischen Formen der Erkenntnis in anorganischer und organischer Naturerkenntnis, sittlicher und religiöser Erkenntnis. Von hier aus ist es möglich, eine einheitliche Welterkenntnis aufzubauen, die nicht more geometrico den Menschen als Teil der Natur erklärt und dann doch versucht, den spezifisch menschlichen Kräften des Erkemiens, des sittlichen Willens, der religiösen Erfahrung Raum zu schaffen, sondern eine Welterkenntnis, die die Differenziertheit der Natur in den Reichen der anorganischen und organischen Natur zur Geltung bringt und den Menschen in der in ihm ursprünglich hervorbrechenden Welt des Geistes begreift. Nicht in einer einfachen Weltformel losen sich die Rätsel der Welt, sondern dem Reichtum der menschlichen Seele und des universalen Denkens enthüllt sich die Welt als Bereich der verschiedenartig wirkenden Kräfte und ihrer ineinander wirkenden qualitativ verschiedenen Gesetze. Wird uns so die Welt undurchsichtiger und geheimnisvoller, spannungsreichex und schicksalschwerer, so erfassen wir tiefer als Spinoza den gottentstammten Ursprung der Menschenseele nicht nur in ihrem Denken, sondern auch in ihrem Fühlen und Wollen. Nicht allein Ruhe in Gott, sondern Sendung von Gott zur Welt ist uns der Sinn und Weg der Menschenseele. Darum ist uns Gott nicht bloß wie Spinoza der allmächtige Herr der Natur und der Quell des Geistes, sondern zu tiefst die Kraft der schöpferischen Liebe, die nicht von dieser Welt ist und dennoch die Welt zum

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