Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1927)
- Article
- Der Spinozismus in der Philosophie der Gegenwart
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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wachte von Neuem der Trieb, in der Methode der Naturwissenschaft alle Gebiete der Wissenschaft und der Lebensanschauung der Erkenntnis entgegen zu führen. More geometrico, d. h. in der Methode mechanischer Naturbetrachtung, suchte der Darwinismus die Rätsel der lebendigen Natur auf physikalisch-chemische Gesetzlichkeiten zurückzuführen, die Assoziationspsychologie den Zusammenhang des seelischen Lebens mechanistisch zu verstehen, die evolutionistische Ethik das sittliche Bewußtsein aus dem Selbsterhaltungswillen abzuleiten, die Geschichtsphilosophie in den wirtschaftlichen Machtkämpfen die Substanz des geschichtlichen Lebens zu erfassen und die Religionsphilosophie den Gottesbegriff in clen universalen Kraftbegriff oder Weltgrund aufzulösen. Gewiß, daß diese positivistische Philosophie nichts mehr von der heroischen Glut der uninteressierten Gottesliebe Spinozas spüren läßt, daß die Ziele des Menschenlebens so viel niedriger in dem eudämonistischen Gattungszweck des Menschengeschlechts gesteckt werden, daß die Persönlichkeit nicht mehr in der unerreichbaren intuitiven Erkenntnis, sondern in der sozialen Befriedung und dem Ausgleich widerstrebender Interessen der menschlichen Gesellschaft ihre höchste Aufgabe sieht, daß der Intellekt nicht mehr den metaphysischen Aufschwung zur letzten Tiefe der Welt nimmt, sondern der Heraufführung des Industrialismus dient. Und doch kann man in dem allem die nüchterne Durchführung der spinozistischen Aufgäbe erblicken, die Welt more geometrico, den Menschen als einen Teil der allgemeinen Natur zu begreifen. Der Positivismus betrachtet sich als Erbe des spinozistischen Geistes. Spinoza würde schwerlich diese geistige Nachfolge anerkannt haben. Der Heroismus seines religiösen und metaphysischen Bewußtseins würde diese Vermenschlichung der Welt, die die Technik als den Sinn der Welt erklärt, entschieden abgelehnt haben. Dann aber entsteht das Problem, ob die Wahrung des metaphysischen und religiösen Bewußtseins more geometrico, d. h. unter Zugrundelegung des Monismus der naturwissenschaftlichen Methode, überhaupt möglich ist. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint die Arbeit des philosophischen Idealismus in einem neuen Licht. So wenig der Fichtesche und Hegelsche Idealismus mit dem Inhalt des spinozistischen Systems identifiziert werden darf, fühlt er sich doch mit dem Spinozismus verwandt in dem Bestreben, den sittlichen und den religiösen Gehalt der Lebensanschauung vorn Fundament wissenschaftlicher Erkenntnis aus zu begründen und mit dem System der Wirklichkeitserkenntnis in Einklang zu bringen. Die philosophische Ethik der Gegenwart hat zunächst in der Erneuerung des Kantianismus, sodann in der Begründung der phänomenoiogischen Ethik die Selbständigkeit des sittlichen Bewußtseins und seine Unableitbarkeit aus dem Triebleben des Egoismus sichergestellt. Die religions-psychologische Forschung hat in immer entscheidenderer Erkenntnis die ursprüngliche Tiefe und Eigenart des Gottesbewußtseins erwiesen. Sollen aber Ethik und Religions- Psychologie nicht in einem unlöslichen Gegensatz und innerer Fremdheit der Naturerkenntnis gegenüberstehen, so ist es notwendig, wohl nicht in Spinozas Methode dem Ziel der einheitlichen