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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1927-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1927) · p. Seite 2

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
71 (1927)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1927)
Article
Der Spinozismus in der Philosophie der Gegenwart
Date
1927-01-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Menschen die sichere Ruhe in Gott gegeben hat. Ja, selbst als Fichte und Hegel in den sittlichen Werten die Substanz des göttliehen Geistes erfaßten, blieb auch ihnen Spinoza der Weise, der über alle Unrast und Flachheit des menschlichen Lebens hinweg die ewige Vollkommenheit der. göttlichen Wahrheit als Grund der Welt erkannte. Und so konnte Schleiermacher den ,,heiligen, verstoßenen‘f Spinoza preisen, dessen einzige und ewige Liebe das göttliehe Universum war. ,,Voller Religion war er, und voll heiligen Geistes; und darum steht er auch da, allein und unerreicht, Meister in seiner Kunst, aber erhaben über die profane Zunft> ohne Jünger und ohne Bürgerrecht/' (Schleiermacher : Reden über die Religion, 2. Rede Anfang.) Die moderne philosophie-geschichtliche Erkenntnis hat strenger den begrifflichen Gehalt des spinozistischen Pantheismus herausgehoben und die religiöse Unzulänglichkeit und wissenschaftliche Unhaltbarkeit des spinozistischen Systems erwiesen. Deutlicher als je sehen wir, wie Spinoza einerseits den Gottesbegriff naturalisiert, indem er Gott als natura naturans aller ethischen Attribute entkleidet, und andererseits den Naturbegriff metaphysiziert, indem er ihm die Weihe des Absoluten, die dem religiösen Bewußtsein sich bekundende Unendlichkeit und Ewigkeit des göttlichen Wirkens verleiht. Die Vereinigung starker, einander widerstrebender naturwissenschaftlicher, sittlicher und religiöser Motive in einem Filigrangeflecht der Definitionen, Axiome und Demonstrationen gibt dem spinozistischen System zwar nicht die wissenschaftliche Einheit der Wahrheit, wohh aber die Strenge und Tiefe begrifflicher Formung und die dialektische Vereinigung der tiefsten seelischen Gehalte zur Einheit des Systems. Darum die Verwandlung des Naturbegriffs in den Gottesbegriff und des Gottesbegriffs in den Naturbegriff, die Betonung der Bedingtheit alles kreatürlichen Daseins und zugleich der Freiheit des Menschen, der Notwendigkeit des Ideen- Zusammenhanges und der Macht des Selbstbehauptungswillens,, der mathematischen Notwendigkeit der Leidenschaften und der Freiheit und Macht adäquater Erkenntnis, der Einheit des Nützliehen und des Vernünftigen, der Selbstliebe und der Gottesliebe.. Und in dem allem’ nicht ein selbstgefälliges Spiel des souveränen Intellekts; sondern das leidenschaftliche Suchen nach der Wahrheit der Gotteserkenntnis, die der Menschenseele in der Welterkenntnis den Frieden der Gottesliebe gewährt. So sehr die philosophie-geschichtliche Forschung der Gegenwart die Auflösung des spinozistischen Systems in seine seelischen Motive vollzieht und ihre nur scheinbare Vereinigung in der spinozistischen Synthese nach weist, scheint die systematische Philosophie der Gegenwart selbst nur um so notwendiger den Lösungsversuclv Spinozas mit gereiftem methodischem Bewußtsein neu aufhehmen und durchführen zu müssen. Denn wie die Wissenschaft der Gegenwart durch die Erneuerung des naturwissenschaftlichen Denkens anstelle der metaphysisch-idealistischen Spekulation der Klassik und Romantik zu fruchtbarer Ausdehnung der Wirklichkeitserkennt״ nis gelangte und das Zeitalter der Technik die Lebensbedeutung der mathematischen Naturerkenntnis in hellstes Licht rückte, er-

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