Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1927-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1927) · p. 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
71 (1927)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1927)
Article
Der Spinozismus in der Philosophie der Gegenwart
Date
1927-01-01
Page
1 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2829132-2829943-2829945-2848901--47298-2848940
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der Spmozismus in der Philosophie der Gegenwart. Zum 250. Todestage Spinozas (21. Februar 1677). Von Albert Lewkowitz in Breslau. Keinem anderen jüdischen Denker ist es beschieden gewesen, gleich Spinoza nicht allein in der Geschichte der Philosophie seinen Platz zu behaupten, sondern durch die Jahrhunderte hindurch bis auf unsere Zeit eine gestaltende Kraft im europäischen Denken zu sein. Diese Unvergänglichkeit Spinozas beruht darauf, daß, wie Kant und Fichte es ausgesprochen haben, in Spinoza ein Typus wissenschaftlicher Weltanschauung, der von den innersten gedankliehen Motiven der Neuzeit gefordert wird, die erste grundsätzliche Ausprägung gefunden hat. Wenn Spinoza seine Ethik more geometrico aufbaut, so bedeutet dies nicht nur den Erkenntnisanspruch der apodiktischen Geltung des Systems, sondern die Begründung des Systems auf die mathematische Methode der Naturerkenntnis. Während die antike und mittelalterliche Weltanschauung vom Zweckgedanken der Idee aus Natur, Mensch und Gott in einen einheitliehen Denkzusammenhang brachte, liegt das entscheidende Motiv der spinozistischen Philosophie in der alleinigen Anerkennung der zweckfreien Methode naturwissenschaftlicher Erkenntnis als Fundament auch der Ethik und Gotteserkenntnis. Nun ist es der große, nie auszuschöpfende Reiz des spinozistischen Weltbildes, wie die strenge naturgesetzliche Einheit der Wirklichkeit durch das stoische Bewußtsein der sich selbst gehörenden Persönlichkeit, den unendliehen Erkenntnisdrang der Renaissance, die kühle, aber kristallklare Weisheit der Lebenserkenntnis und die Mystik der Gottesliebe einen unvermuteten Reichtum und seelische Tiefe gewinnt. Und dies bei prinzipieller Wahrung der alleinigen naturwissenschaftlichen Methode der Erkenntnis auch gegenüber den Werten des Menschenlebens, die aus dem Selbsterhaltungsstreben des Menschen abgeleitet werden, und der Einbeziehung des Menschen in die Gesetzlichkeit der Natur. Hier scheint wirklich die ganze Welt: Gott, Natur, Menschenleben dem Blick der Erkenntnis in ihrer Einheit und Wahrheit sich enthüllt zu haben. Und wenn eine spätere Zeit, die Zeit der Klassik, Herder, Goethe, Schelling den Gesetzesbegriff der Physik durch den Begriff der allebendigen, künstlerisch-gesetzlich schaffenden Natur ersetzten, so fühlten sie sich dennoch grade vom Geiste Spinozas tief berührt und feierten ihn als den Genius, der Gottesliebe und Welterkenntnis zur tiefsten Einheit gebracht und dem Monatsschrift, 71. Jahrgang. 1

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.