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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1926-01-01 · Heft 1 · p. Seite 58

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
70 (1926)
Issue
Heft 1
Article
Zur schönen Literatur [Rezension]
Date
1926-01-01
Page
Seite 58 (sequence 3)
Language
German
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58 wollen und Verzicht‘״ bildet den Inhalt von Feuchtwangers großem und prunkvollem Kulturbild ״Jud Süß“. ,,Wie Mephisto neben Faust“ steht der Hofjude, der Finanzmann neben dem absoluten Fürsten des entstehenden modernen Staates. Karl Alexander von Württemberg־ war gewiß kein Faust; aber etwas Dämonisches muß von dem Manne ausgegangen sein, der, seiner Stellung nach in die Reihe der Gomperz, Liepmanti, Berend Lehmann, der Wiener Wert hei mer und Oppenheimer gehörend, ״umprasselt von Haß, umhegt von Liehe, zwielichtig, groß‘״, durch Aufstieg und Sturz doch jenseits dieser Reihe steht. Noch hat die geschichtliche Forschung nicht das letzte Wort über Joseph Süß Oppenheimer gesprochen. Durch einen Justizmord verurteilt, fiel er als Opfer einer Partei, und schon ein zeitgenössischer Historiker sah in seiner Hinrichtung nicht ein Denkmal der Gerechtigkeit, sondern des Unverstandes seiner Feinde. Der Dichter läßt ihn, der in seinem Verhör bekannte, keine andere Passion gehabt zu haben als die, mit großen Herren umzugehen, tief unte!•tauchen in die Welt des äußeren Glanzes, der Sinnlichkeit, in die Welt des Bösen. Erst aus großem Leid wächst ihm die leise Ahnung seines wahren Seins; und erst die Erkenntnis der Nichtigkeit der Rache bewirkt die Katharsis, den Verzicht auf Glanz wie auf Rache. Aus der Katharsis führt der Weg des Joseph Süß empor zur Teschuwoh: aus dem Manne, der sein Judentum widerwillig und eitel zugleich trug, wird der bekenntnisstarke und bekenntnisstolze Jude, der freiwillig schuldlos Leidende und Sterbende, der lächelnd auf die Welt des Scheins zurückblickt, da er die Weit der Reinheit, die ״obere Weit“, zu eigen gewonnen hat. So verschieden Brods und Feuchtwangers Dichtwerke nach Stoffwahl,., dichterischer Gestaltung und Problemstellung an sich sind, in beiden führt die Deutung von Gestalt und Schicksal des einmaligen historischen Juden zugleich hinein in die Probleme des in dieser einmaligen Gestalt verwurzelten Judentums. An unmittelbare Gegenwartsaufgaben heran führt uns Saltens Palästinafahrt. Eindringlich und warm schildert er die Aufbauarbeit und, eindrucksvoller noch als sie, den neuen Typ des Juden, der auf alter Erde in der Bildung begriffen ist: den rein und einfach Schaffenden, der durchdrungen ist von dem Wunsche, unkompliziert, erdnah, sich wieder der Erde zu gesellen. Schwarzkopfs ״Judas Iskariot“ ist der nicht uninteressante Versuch, Judas und seinen Verrat psychologisch zu erfassen und zu deuten. Judas, von rein nationalistischen Messias-Hoffnungen erfüllt, wird aus enttäuschter Hoffnung zum Verräter. — Durch die allzu skizzenhafte Ausführung kommt der Verfasser jedoch über die bloße Andeutung nicht hinaus und gelangt daher nicht zu einer überzeugenden Deutung; bedauerlich bleibt es auch, daß das alte Zerrbild der Pharisäer hier wieder erscheint. Irma Singers jüdische Märchen entnehmen ihren Stoff zum größten Teil der biblischen Geschichte und der jüdischen Sage. In freier Ausgestaltung zeigen sie die schöne Unmittelbarkeit, aus der sie entstanden sind: aus der Erzählung von Mund zu Mund. Neun- und Zehnjährige, aber auch größere Kinder, werden sie mit Freude lesen. Zapietal wendet sich an nichtjüdische Leser: er will ״das so sehr verkannte und vernachlässigte Alte Testament auch weiteren Kreisen etwas näherrücken“. Erreicht er den ihm vorschwebenden ZwTeck, und können auch jüdische Leser aus der Lektüre seiner Erzählungen Genuß und Belehrung schöpfen? Die auf Autopsie beruhende Schilderung des Landes und ein großes, kulturgeschichtliches Wissen bedeuten nicht zu unterschätzende Vorzüge.

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