Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Zur schönen Literatur [Rezension]
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 57 (sequence 2)
- Language
- German
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Nikolaus Schwarzkopf: Judas Iskariot. L—5. Au fl. F. P. Bachem, Köln. Irma Singers Das verschlossene Buch. Jüdische Märchen. R. Löwit Verlag, Wien und Leipzig. Vincenz Zapletal: Mose, der Gottsucher. Jephtas Tochter. David und Saul. David und Bethsabe (Verlag Ferd. Schöningh, Paderborn 1921/25). Die Unterscheidung• zwischen edlem und unedlem Unglück bildet eines der wesentlichsten Probleme in Max Brods Bekenntnisbuch: ,.Heidentum, Christentum, Judentum“. Sie wird bedingt durch die Zweiheit der Triebe. Edles Unglück ist das dem Menschen wesenhafte Bewußtsein seiner Endlichkeit und die daraus entspringende Sehnsucht nach Vollendung. Es ist ,,Unglück in Reinheit“. Der ,,böse Trieb“ aber will ein imaginäres irdisches Glück an Stelle dieses edlen Unglücks setzen und erzeugt so das rein menschliche, unedle Unglück. Wächst dieses über eine bestimmte Grenze hinaus, so wird es zur Unsittlichkeit. Dem Judentum charakteristisch ist es, daß es den Menschen eindringlichst auf seine Sendung unter Menschen, d. h. auf den Kampf gegen das unedle Unglück liinweist. An anderer Stelle (Zieljahrbuch) zeichnet Brod zwei Typen des ethischen Menschen: den Selbsterlöse!*, der reiner Hand und reinen Herzens bleiben kann, und den Welterlöse!‘, der ,,um der Liebe und Menschenerlösung willen“ im Notfälle auch die Reinheit seiner Seele zum Opfer bringen muß. Ihn, der Gott auch mit dem ,,bösen Trieb“ dient, wertet er als den höheren Menschen. Der Kampf des Welterlösers gegen das unedle Unglück, das schmerzhaft empfundene Sündigwerden um des sittlichen Zieles willen ist das Problem, das Brod in seinem ,,Reubeni“ gestaltet. Kindheit und Jugend, vom Dichter in das Prager Ghetto hineingestellt, sind überschattet von der bangen Frage, wie es möglich sein könne, Gott auch mit dem bösen Trieb zu dienen. Dem Manne, der in Venedig, Rom und Portugal wirkt — Brod folgt in diesem 2. Teil wesentlich den historischen Quellen — wird dieser böse Trieb Gesetz des Handelns. Denn das unedle Unglück, die Erniedrigung und Schmach, in der die Volksgenossen leben, kann nur mit Hilfe der Lüge, durch das Mittel der Sünde bekämpft werden. Die Renaissance des Judentums, das freie Volk in seinem eigenen Lande, an Leib und Seele so gesund, daß andere Völker an ihm ihre Freude haben — dieses sittliche Ziel ist nur mit Preisgabe der eigenen Sittlichkeit erreichbar. Der Zeitgenosse Machiavellis entwirft *nnen Plan von machiavellistischer Kühnheit und Prägung; im Denken nach Motiven der Staatsräson ist Reubeni dem Florentiner verwandt und doch von ihm zutiefst geschieden durch den Zug, der seines Wesens geheimsten Kern enthüllt: durch das Leiden unter der als notwendig erkannten Sünde. Das trennt diesen Juden der Renaissance von dem Staatsmann der Renaissance und erhebt ihn aus dem Gebiet des nur zweckbestimmten. Handelns in die Sphäre schweren •ethischen Konflikts. Noch scheiternd, ist er geadelt durch die Ewigkeit der Idee, die seinem Wirken innewohnt. Denn die Frucht seines Opfers, das Werk des Joseph Karo, wird die geistige Einheit der Juden vorbereiten, bis ,,man zur rechten Zeit, im rechten Herzen — den Weg 7ax Ende gebt“. In einer Sprache, die ruhig und glanzvoll zugleich ist, die mit gleicher Bildkraft das Prager Ghetto wie das Venedig und Rom der Renaissance gestaltet, läßt Brod die ganze Tiefe der ethischen Fragestellung an Reubenis Weg und Wandhing sich vollziehen. Weg und Wandlung eines Menschen aus Eitelkeit, Machttrieb und der Welt des Scheins ,,zur seligen Ledigung und Lösung, zur Verebbung in Nicht-