Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Systematische Philosophie
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2829132-2829935-2829937-2848790--46647-2848836- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
14 sehr gewichtig in die Wagschale fallen kann. Das Gewicht der Forderung ist schlechterdings eine real-ethische Tatsache. Freiheit ist nur möglich, wenn wenigstens zwei Typen der Determination in einer Welt übereinander lagern; nur da ist es möglich, daß eine höhere Determination der niederen ihre Determinanten einfügt, so daß von der niederen aus gesehen ein wirkliches Plus an Determination zustande kommt. Der Fehler des ethischen Naturalismus und Psychologismus ist also keineswegs der der Determination überhaupt, sondern einzig der Monismus der Determination. Aber auch in einer durchgehend final determinierten Welt ist sittliche Freiheit unmöglich. Der Mensch ist nur möglich in einer weder kausal noch teleologisch durchgängig bestimmten Welt. Aber auch den Werten gegenüber muß der Mensch Wahlfreiheit haben, wenn seine Entscheidung sittlichen Wert haben soll. Der den Werten gegenüber freie Wille aber ist nicht unbestimmter Wille r sondern sich selbst bestimmender Wille. Die Frage aber ist, wie diese Selbstbestimmung als eine freie und doch nicht unbestimmte gedacht werden soll. Diese Frage ist ebenso wenig lösbar, wie die Frage: Was sind ,,Prinzipien", was ist ,,Realität“, was ist ein Wert“? Hier liegen unübersteigbare Rationalitätsgrenzen. Wie es an sich nicht zu bezweifeln ist, daß das Lebendige als solches noch seine eigenen inneren Gesetze hat, wenngleich sie sich nicht greifen lassen; wie es eine Tatsache ist, daß der Gedanke seine logischen Prinzipien hat, so entspricht es der Gesamtstruktur ontologisch-kategorialer Stufenfolge, daß im Gesinntsein, Wollen und sittlichen Verhalten der Einzelperson ein Eigengesetz, das nur ihr zugehörig ist, eine echte positive Autonomie der Person neben aller inneren und äußeren Bedingtheit gegeben ist, in welcher ihre Selbstbestimmung besteht (S. 696—728). Unsere Stellungnahme zur Hartmannschen Ethik muß sich darauf beschränken, in der phänomenologischen Grundlegung der Ethik die wichtigste Neubegründung einer apriorischen inhaltlichen Ethik anzuerkennen. Gleichwohl können wir die die gesamte erkenntnistheoretische Arbeit der phänomenologischen Schule tragende Voraussetzung eines idealen Seins, das erschaut, erlebt, gewollt wird, nicht teilen. Wir müssen es uns versagen, an dieser Stelle im Rahmen einer Besprechung in eine prinzipielle Auseinandersetzung einzutreten. Nur das sei hervorgehoben, daß wir die Deutung des ,,Sinnes“ der Erkenntnis als intuitives Erfassen eines idealen Seins nicht allein als eine rationale Mystik betrachten, die wie bei Scheler zum Platonismus und Neuplatonismus einer Metaphysik der Ideen drängt, sondern daß auch diese phänomenologische Abbildtheorie die schöpferische Energie der sinngebenden Akte des Denkens, Fühlens und Wollens nicht genügend würdigt. Das Ineinander von Dasein und Sinn ist nicht allein in der Sphäre der außermenschlichen Wirklichkeit, in der Gesetzlichkeit der Natur ein unaufhellhares Rätsel, das gleiche Rätsel liegt noch intensiver in der sinnvollen Aktivität des menschlichen Denkens, Fühlens und Wollens vor. Wohl ist der kantische Versuch, dieses Rätsel des Seins des Sinnes durch formale autonome Gesetzgebung