Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Systematische Philosophie
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 in der Individualität der philosophischen Persönlichkeit und der Zusammenhang der Systeme mit den geschichtlichen Kulturlagen, aus denen das philosophische Schaffen hervorgeht, unberücksichtigt. Gegenüber dieser anorganischen Behandlung der Geschichte der Philosophie stellt auch das Kühnemannsche Kantbuch Kant in den Zusammenhang des europäischen Denkens hinein. Aber nicht werden Gedanken und Probleme in ihrer abstrakten Form durch die Geschichte der Philosophie hindurch verfolgt. Sondern mit dem Sinn für das Lebendige und für die Individualität schöpferischen Geisteslebens, der Kühnemanns Bücher über Schiller und Herder auszeichnet, wird hier Kant in die Mitte eines Gemäldes gestellt, das die philosophischen Genien und die bewegenden Kräfte des europäischen Geisteslebens zu klarster Anschaulichkeit erhebt. In meisterlicher Gestaltung wird die Lebenstiefe und Lebensklärung der griechischen Gedankenwelt in Sokrates, Platon, Aristoteles, das Einströmen des religiösen Geistes in das europäische Denken in der Persönlichkeit Jesu, die Erschütterung des mittelalterlichen Weltbildes in der Begründung der mathematischen Naturwissenschaft der Renaissance, die großen Synthesen der modernen Lebensanschauung in den Systemen Spinozas und Leibniz', die Bedeutung des Empirismus, die Repräsentanten der deutschen Bildung Lessing und Herder, Schiller und Goethe dargestellt. Von diesem mächtigen Hintergründe des europäischen Geisteslebens hebt sich nun das Lebenswerk Kants ab, nicht als ein System, das allein der Schul- Philosophie angehört, sondern in der strengen Geschlossenheit seines methodischen Aufbaus zugleich als ein Werk der Selbstbesinnung der •europäischen Kultur auf ihre wissenschaftlichen Grundlagen und leitenden Ideen. So ist das Werk Kühnemanns nicht ein Werk der Geschichte der Philosophie, sondern ein Werk der Klärung des philosophischen Weltbildes in lebendiger Aussprache mit den Genien des europäischen Geisteslebens. Die Klärung erfolgt bei aller psychologischen Feinheit der Charakteristik und Würdigung metaphysischer Gedankengänge im Geiste des Neukantianismus. Hermann Cohen: Kants Theorie der Erfahrung. 4. AufL Verlag Bruno Cassirer. Berlin 1925. Zum vierten Mal erscheint das geniale Erstlingswerk Hermann Cohens, zum ersten Mal ohne sein einleitendes Vorwort zu dieser Auflage. Das Buch ist seit der 2. Auflage dem Andenken Friedrich Albert Langes gewidmet, dem Manne, ,,welcher der ersten und ihrem Verfasser eine in jedem Sinne ermutigende Teilnahme bewiesen hat‘‘. Es ist ein ruhmreiches Zeugnis vorurteilsfreier Sachlichkeit, daß gerade dieses Buch einen Freundschaftsbund fürs Leben begründete, in dem auf jeder Seite ein unbekannter Autor die von dem berühmten Verfasser der ,,Geschichte des Materialismusrc vertretene Kant auf fassung als psychologisierenden Grundirrtum bekämpfte. Der gleiche Geist wissenschaftlicher Hingabe aber durchdringt auch dieses Werk, in dem mit der Erklärung Kants von Grund auf begonnen wird. .In einer kaum so wiederkehrenden Einheit verbindet sich die selbständige Kraft systematischer Orientierung der Auigabe und Methode der philosophischen Erkenntnistheorie mit der philologischen Interpretation des urkundlichen Kant, erfolgt die entscheidende