Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Systematische Philosophie
- Date
- 1926-01-01
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2829132-2829935-2829937-2848790--46634-2848823- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Systematische Philosophie. Von Albert L e w k 0 w i.t z in Breslau. Das Jubiläum des 200. Geburtstages Kants, an dem die Kulturweit sich zu dem großen Namen Kants bekannte, ist vorüber. Zurückgeblieben ist die Erinnerung an manches feine und tiefe Wort, das geprägt wurde; zurückgeblieben ist das Bewußtsein, daß an der Philosophie Kants auch heute niemand vorübergehen darf, dem Philosophie wissenschaftliche Klärung des Lebensbildes bedeutet. Das gilt auch für die jüdische Religionsphilosophie. Dies dürfte deutlich werden, wenn wir uns in diesen Zeilen einigen jüngst erschienenen Werken zuwenden, in denen die Philosophie Kants das Fundament der eigenen philosophischen Lebensarbeit bildet. Es sind dies: Eugen Kühnemann, Kant; Hermann Cohen, Kants Theorie der Erfahrung in der 1925 herausgegebenen 4. Aufl.; Hermann Cohens von der Akademie für die Wissenschaft des Judentums herausgegebenen 3 Bände Jüdische Schriften; Ernst Cassirer, Philosophie der symbolischen Formen Bd. II, Das mythische Denken; Nicolai Hartmann, Grundzüge einer Metaphysik der Erkenntnis und Nicolai Hartmann, Ethik. Eugen Kübnemann: Kant, L Teil: Der europäische Gedanke im vorkantischen Denken. II. Teil: Das Werk Kants und der europäische Gedanke. Becksche Verlagsbuchhandlung München 1923/24. Die Philosophie der Gegenwart hat nicht allein ein neues produktives Verständnis der kantischen Philosophie aus dem Nachschaffen ihrer tiefsten wissenschaftlichen Motive heraus gewonnen, sondern gerade hierdurch auch eine gerechtere Einordnung der kantischen Philosophie in die Geschichte der Philosophie vollzogen. Insbesondere haben Cohen und Natorp, die Begründer des Neukantianismus, Platons Ideenlehre, Descartes' Methodenlehre, Leibniz״ Infinitesimalmethode in ihrer erkenntnistheoretischen Bedeutung erschlossen und damit Kants Lebenswerk als die reife Vollendung der wissenschaftlichen Arbeit der europäischen Philosophie erwiesen. Getragen von dieser Klärung des Kantianismus und seines Verhältnisses zur Geschichte des europäischen Denkens hat alsdann Cassirer in seinem bedeutenden Werke ,,Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit'‘die Geschichte des modernen Erkenntnisproblems geschrieben und hat auch die griechische Philosophie im Geiste des Neukantianismus insbesondere durch Hönigswald ihre problemgeschichtliche Darstellung gefunden. In diesen erkenntnistheoretischen Analysen der vorkantischen Systeme wurde die Kontinuität der philosophischen Probleme in der Geschichte der Philosophie herausgearbeitet. Aber das Vorwalten des neukantisehen Systems als des begrifflichen Beziehungspunktes der kritischen Sonderung und Wertung der philosophischen Gedankenmassen verdunkelte nun auch vielfach die Eigenart und Mannigfaltigkeit der philosophischen Systeme, die nur in ihrer Bedeutung als Wegebahner oder Hindernisse der kantischen Philosophie dargestellt wurden; vollends blieb die Wurzelung der philosophischen Systeme Monatsschrift, 70. Jahrgang. t