Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1925)
- Article
- Zur Geschichte der jüdischen Reformbewegung
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 45 (sequence 5)
- Language
- German
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45 in der Auffassung und Befolgung nicht bloß derTalmudischen, sondern auch der mosaischen Religionssatzungen und Gebräuche. Nie und nirgends aber hat sich, soviel bekannt, irgend eine Partei oder Sekte von dem Boden des geschichtlichen und traditionellen Judentums soweit entfernt, daß sie die Beschneidung — nach den mosaischen Urkunden der Bund Jehovas mit seinem Volke und die unerläßliche Grundbedingung der Teilnahme an der jüdischen Religion und Volksgemeinschaft — Genesis 1710—14j Exodus 424—26, 1244—48 — verworfen und wirklich unterlassen hätte. Daher galt neben der nationalen Abstammung die Beschnei düng als Criterium des Judentums, und eben deshalb ist deren Verwerfung für die weitere Behandlung durch den Staat von größter Bedeutung/' ,,Denn es entsteht damit für ihn die Frage, ob er in denjenigen seiner nicht christlichen Untertanen, weiche zwar jüdischer Abkunft, aber unbeschnitten sind, noch Juden, in einem Sinne wie seine Gesetzgebung dies voraussetzt, anzuerkennen habe, eine Frage, die von um so größerer Bedeutung und praktischer Wichtigkeit ist, als eine nähere Kenntnisnahme von den jüdischen Religionsgesetzen und eine Einwirkung darauf, wie oben bereits bemerkt, seinerseits nicht stattfindet und aus mehr als einem Grunde auch nicht wohl stattfinden kann." ,,Während sich nun vom rechtlichen Standpunkte aus diese Frage im allgemeinen kaum anders als verneinend beantworten lassen dürfte, erscheint es doch in jeder Hinsicht rathsam und nothwendig, sich darüber zur Zeit noch in keiner Weise zu entscheiden und eine bestimmte Ansicht darüber nicht kundzugeben, unter anderen und namentlich schon deshalb, weil die Verwerfung der Beschneidung gegenwärtig nicht die Folge des religiösen Indifferentismus einzelner ist, sondern vielmehr die Aeußerung und das Ergebnis einer rationalistisch-pantheistischen Auffassung des Judenthums, welche von einer bis jetzt zwar numerisch nicht bedeutenden, wegen ihrer natürlichen Verbindung mit verwandten Zeitrichtungen und ihres Einflusses auf die Tagespresse aber beachtenswerten Partei •offen vertreten und systematisch zu begründen versucht wird." ,,Da sonach die Beschneidungsfrage mit der allgemeinen Bewegung, welche gegenwärtig im Judenthum herrscht, im engsten Zusammenhänge steht, ist vor allem der weitere Entwicklungsgang des letzteren abzuwarten. — Dabei wird sich ergeben, wie die Juden selbst diese Frage auffassen, ob diejenigen, welche an der Beschneidung festhalten und zwar alle Parteien und Richtungen unter ihnen in der Verwerfung derselben einen vollkommenen Abfall vom Judenthum oder richtiger in dem Unbeschnittenen kein Kind Israels mehr sehen, oder aber ob und wie sie, je nach den verschiedenen Parteirichtungen den unbeschnittenen Stammesgenossen noch als Juden und als zur jüdischen Religionsgemeinschaft gehörig anerkennen." Erst wenn darüber eine communis opinio der Juden vorliege, könne der Staat von seiner Seite aus Stellung nehmen. Mit diesem Standpunkte der beiden Minister, des Innern und des Kultus, stimmte auch der Minister der auswärtigen Angelegenheiten überein und dementsprechend lautete auch seine Anweisung