Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1925)
- Article
- Zur Geschichte der jüdischen Reformbewegung
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 43 (sequence 3)
- Language
- German
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43 waren Gutachten des Senatscommissarius in Judensachen, Senators Dr. Souchay, des Vorstandes und des Ausschusses der Judengemeinde1 eingeholt worden, die einhellig dahin lauteten, daß die Beschneidung nicht gefordert werden könnte. Die Entscheidung müsse dahin gehen, daß die Eintragung in die Register von dem Nachweise der vollzogenen Beschneidung unabhängig sei, und eine direkte Einmischung in die internen Angelegenheiten der Juden abgelehnt werde. Von der ,,Haupt-Kiixhen-Buch-Expedition“, dem Standes- oder Matrikenamt, würde auf Grund der Eintragung ohne weiteres bescheinigt werden können, daß der junge Fiersheim von jüdischen Eltern geboren sei. Dem Oberrabbiner bliebe nur das sicherlich problematische Mittel des Bannes. Zum Beweise für die Heftigkeit des Kampfes zwischen der orthodoxen Minderheit, die einen vergeblichen Kampf führe, und den Reformern fügt der Berichterstatter die bekannte Erklärung des Frankfurter Reform Vereins in der revidierten Fassung nebst den Auszügen aus einem Briefe von M. A. Stern als Antwort auf Rießers öffentliche Erklärung und aus einem Schreiben Rießers an Theodor Creizenach bei2. Dieses lithographierte Flugblatt war in Frankfurt unter Juden und zum Teil auch unter Christen verbreitet worden. Herr von Sydow erläutert nun, wie seit Gründung des Philantropin die neologenen Bestrebungen stärker wurden und infolgedessen der Verlust des Einflusses der orthodoxen Richtung in den Verwaltungskörperschaften immer deutlicher zutage trete. Die überwiegende Mehrheit wolle sich der talmudischen Tradition nicht mehr unterwerfen, und die Altgläubigen behaupten, daß die zu Wählenden jedesmal schon lange zuvor in den beiden Freimaurerlogen, die zahlreiche jüdische Mitglieder haben, bestimmt würden. Neben der Einwirkung christlicher Kreise — genannt wird ausdrücklich der Senior der Frankfurter lutherischen Kirche Hufnagel — habe diese Entwicklung noch der Umstand gefördert, daß die Altgläubigen ,,ihrerseits durch die Schroffheit, mit welcher sie selbst das geringste, an sich unbedenkliche Zugeständnis verweigern zu müssen glaubten, und durch die fehlgeschlagenen Intriguen, bei denen sie es mit der Wahl der Mittel nicht eben genau nahmen“, abstoßen mußten. Erst jetzt hätten sie in bauliche Veränderungen der Hauptsynagoge, durch welche auch die deutsche Predigt ermöglicht würde, gewilligt. ,,Ich habe geglaubt“, — so äußert der Berichterstatter zusammenfassend seine Meinung — ,,diesen Parteikampf im allgemeinen wie die Beschneidungssache insbesondere vornehmlich von dem Gesichtspunkte aus betrachten zu sollen, daß mit Auflösung des gottes- 1 Diese Behörden beruhten auf den Vorschriften des Regulativs vom 12. Februar 1839. Die Wahl des Ausschusses (== Repräsentanten Versammlung) erfolgte durch alle selbständigen jüdischen Bürger, zur Ergänzung des Vor- Standes fand gemeinschaftliche Wahl des Vorstandes und des Ausschusses statt. In beiden Gremien hatten die Altgläubigen und der Rabbiner allen Einfluß verloren. 2 Siehe Gabriel Rießers Leben nebst Mitteilungen aus seinen Briefen von Dr. M. Isler, Frankfurt a. M., Leipzig 1867, S. 354 ff.; Briefe von und an Gabriel Rießer in Ztschr. f. Gesch. d. Juden in Deutschland II, S. 47 ff.; die Erklärungen sind auch in der zeitgenössischen jüdischen Presse •abgedruckt.