Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1925)
- Article
- Aus der neuesten bibelwissenschaftlichen Literatur
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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9 keit ist zu begrüßen, Indem er die in der Ueberschrift zum Arnosbuche sich findende Datierung ,,zwei Jahre vor dem Erdbeben“ dem Propheten beläßt, wogegen kaum ein durchschlagender Einwand zu machen ist, gewinnt er die in der Tat nächstliegende Erklärung der Entstehung dieser Schrift. Durch ’das Erdbeben sei für das Geschlecht des Amos die erste große Probe für die Bewährung seiner Gottesworte geliefert worden, und jetzt habe er auf Drängen seiner Anhänger seine prophetischen Erlebnisse niedergeschrieben, die dann natürlich mit der Angabe jenes Datums eingeleitet wurden. Diese Hypothese hat jedenfalls das für sich, daß sie sich auf dem vorhandenen und nicht auf einem erst zu konstruierenden Text gründet. Gerade bei der Betrachtung des Dodekapropheton und seiner exegetischen Schicksale muß eine Forderung ausgesprochen werden, die grundsätzliche Erledigung heischt. Wenn in den Büchern Jesaia und vor allem Jeremia1 von den meisten heutigen Erklärern zwei Drittel, in unserer Schrift ebenfalls ein ansehnliches Bruchstück des Ganzen für ,,unecht“ angesehen werden, so muß man sich doch darüber klar werden, daß mit der Ausscheidung des einen oder andern Verses, dieses oder jenen größeren Stückes, selbst wenn sie begründet, doch erst die halbe Arbeit des Exegeten getan ist. Schon der äußere Umfang der beanstandeten Teile, der — wie gesagt — die der echten bisweilen übertrifft, verlangt ein sorgsameres, weit systematischeres Eingehen auf die Absicht der angeblichen oder wirklichen Ergänzer; auf die Art ihrer Arbeit und auf die Möglichkeit, ihre Produkte den überkommenen Werken einzuverleiben, als wir es in den landläufigen exegetischen Bemühungen antreffen. Wenn man sieht, mit welcher Sorgfalt z. B. das Büchlein Obadja behandelt wird, wie zwei oder gar — Sellin — drei verschiedene Stücke in ihm voneinander geschieden werden, bloß weil sie zufällig in einem mit selbständigem Titel versehenen Buche Vorkommen, so erscheinen andere aus umfangreicheren Büchern ausgeschiedene Teile meist sehr Stiefmütterlieh behandelt. Der Vorwurf richtet sich nicht gegen das vorliegende Werk; aber er ist durch die Lektüre desselben angeregt. In diesem freilich vermissen wir bei der allzu knapp geratenen allgemeinen Einleitung die Eingliederung der Zwölf in den großen religionsgeschichtlichen Zusammenhang. Sellin verspricht, dieses in einer Geschichte der jüdisch-israelitischen Religion nachzuholen. Auf den Zusammenhang der eigentlich religiösen Fragen mit den kritisch-philologischen Problemen werden wir durch ein anderes־ Werk von Harold M. Wiener geführt, the Prophets of Israel in History and Criticism (London, Robert Scott 1923). Alles, was wir in religionstheoretischen und geschiehtliehen Studien, in biblischer Philologie und Exegese, in systematischer Theologie und Religionsphilosophie treiben, ist wissenschaftliche Erkenntnis, welche mehr oder weniger unmittelbar die religiösen Phänomene zum Gegenstände hat, in der Methode und dem Arbeits- 1 Vgl. den von uns MGWJ. 1923, 70 besprochenen Kommentar von Volz über das Buch Jeremia (gleichfalls in der Sellinschen. Sammlung erschienen).